An sie, die allzufroh

Charles-Pierre Baudelaire

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Dein Haupt, dein Blick, dein Gang Sind schön wie die schönsten Auen, Wie frischer Wind im Blauen Spielt Lachen dir um Augen, Mund und Wang

Der Gram, der dein Auge feuchtet, An jener Kraft zerbricht, Die hell wie klares Licht Von deinen Armen, deinen Schultern leuchtet.

Die Farben in grellem Glanz, Die dein Gewand bedecken, In Dichters Geist erwecken. Ein Bild von lieblich leichtem Blumentanz.

Die tollen Kleider passen Zur Tollheit, deren Macht Mich so zum Narren macht, Dass ich dich glühend lieben muss und hassen.

Oft wenn im lichten Park Ich schleppe meine Qualen, Fühl′ ich die Sonnenstrahlen Wie Hohn mir brennen tief in Hirn und Mark.

So schwer ins Herz mich trafen Des Frühlings Glanz und Glut, Dass ich in heisser Wut Auf Blumen schlug, um die Natur zu strafen.

So möcht′ ich einst zur Nacht, Wenn der Wollust Stunden klingen, Zu deinen Schätzen dringen, Ein Feigling zu dir kriechen stumm und sacht.

Dich züchtigen, du Gesunde, Zerpressen deine Brust, Ins blühende Fleisch voll Lust Dir schlagen eine breite, tiefe Wunde.

Und – Wollust unerhört! – Durch dieser Lippen Reine Giess′ ich das süsse, feine, Mein schändlich Gift, das, Schwester, dich zerstört.

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Illustration zu An sie, die allzufroh

Interpretation

Das Gedicht "An sie, die allzufroh" von Charles-Pierre Baudelaire beschreibt die ambivalente und zerstörerische Anziehungskraft des lyrischen Ichs zu einer Frau, die durch ihre fröhliche und unbeschwerte Art auffällt. Der Sprecher bewundert ihre Schönheit, die an üppige Auen und frischen Wind erinnert, und ihre leuchtende Kraft, die selbst Trauer überwindet. Doch zugleich fühlt er sich von ihr provoziert und verletzt, da ihre Vitalität seinen eigenen Schmerz und seine Melancholie noch schmerzlicher bewusst macht. Die grellen Farben ihres Kleides wecken in ihm ein Bild von einem leichten Blumentanz, das seine eigene Schwere noch betont. Die "Tollheit" der Frau, die den Sprecher zum Narren macht, ist sowohl ihre unbekümmerte Lebensfreude als auch die Tatsache, dass er sich ihr trotz seines Hasses nicht entziehen kann. In der Natur, die er als Ausdruck ihrer Lebensfreude empfindet, fühlt er sich verhöhnt und reagiert mit Zorn, indem er Blumen zerschlägt. Diese Gewalt gegen die Natur symbolisiert seinen hilflosen Zorn über das Leben, das er als unerträglich empfindet. In der Nacht, wenn die Stunden der Wollust klingen, plant der Sprecher, sich der Frau zu nähern, um sich an ihr zu rächen. Er will sie "züchtigen" und "zerpressen", ihr eine tiefe Wunde schlagen und ihr schließlich sein "schändliches Gift" in den Mund geben, das sie zerstören wird. Dieses Gift ist sowohl die sexuelle Vereinigung als auch die Übertragung seiner eigenen Krankheit und seines Todeswillens. Das Gedicht endet mit einer Vision von Inzest und Nekrophilie, die die absolute Negation des Lebens und der Liebe darstellt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Zur Tollheit, deren Macht
Bildsprache
Die Farben in grellem Glanz, Die dein Gewand bedecken
Hyperbel
Zerpressen deine Brust
Hyperbole
Dir schlagen eine breite, tiefe Wunde
Metapher
Mein schändlich Gift, das, Schwester, dich zerstört
Personifikation
Wie frischer Wind im Blauen Spielt Lachen dir um Augen, Mund und Wang