An seinen Bruder
1729Auch dich hat, da du wardst geboren, Die Muse lächelnd angeblickt; Auch du hast dich dem Schwarm der Toren Auf jungen Flügeln kühn entrückt!
Ihm nach, dem Liebling des Mäcenen! Ihm nach, sein Name sporne dich! Er lehrte dich, das Laster höhnen; Er mache dich ihm fürchterlich!
O! schnitten wir mit gleichem Fluge Die Lüfte durch zur Ewigkeit! O! schilderte mit Einem Zuge Zwei Brüder einst die Richterzeit!
»Die zwei, so soll die Nachwelt sprechen, Betaumelte kein Modewahn, Die Sprache schön zu radebrechen, Zu stolz für eine Nebenbahn.«
Betritt der Alten sichre Wege! Ein Feiger nur geht davon ab. Er suchet blumenreichre Stege, Und findet seines Ruhmes Grab.
Doch lerne früh das Lob entbehren, Das hier die Scheelsucht vorenthält. Gnug, wann versetzt in höhre Sphären, Ein Nachkomm uns ins Helle stellt!
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Interpretation
Das Gedicht "An seinen Bruder" von Gotthold Ephraim Lessing ist ein leidenschaftlicher Aufruf an den Bruder, sich der Dichtkunst zu widmen und die Tugenden der alten Meister zu bewahren. Lessing erinnert daran, dass auch sein Bruder von der Muse begünstigt wurde und ermutigt ihn, den Weg des großen Dichters anzustreben, der als Vorbild dient. Er betont die Bedeutung von Mut und Originalität in der Kunst und ruft dazu auf, sich nicht von den Moden der Zeit beeinflussen zu lassen. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit zwischen den Brüdern und den gemeinsamen Traum, durch ihre Werke die Nachwelt zu beeindrucken und zu inspirieren. Lessing warnt vor den Gefahren der Anpassung und des Kompromisses, die den künstlerischen Ruhm gefährden können. Er plädiert für die Treue zu den bewährten Wegen der Vergangenheit und kritisiert jene, die aus Feigheit oder Bequemlichkeit vom geraden Pfad abweichen. Der Dichter betont, dass wahre Größe nur durch Standhaftigkeit und die Bereitschaft, Kritik zu ertragen, erreicht werden kann. Er ermutigt seinen Bruder, frühzeitig zu lernen, mit mangelnder Anerkennung umzugehen, da die Scheelsucht der Zeitgenossen oft den Erfolg behindert. Abschließend richtet Lessing einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft, in der die Werke der Brüder von späteren Generationen gewürdigt werden könnten. Er wünscht sich, dass ihre Dichtungen in höhere Sphären entrückt werden und dort ihren rechtmäßigen Platz einnehmen. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, dass ein Nachkomme der beiden Brüder ihre Leistungen in ein strahlendes Licht rücken möge, was die ewige Wirkung ihrer Kunst symbolisiert. Lessing vermittelt so eine Botschaft der Hoffnung und des unsterblichen Ruhmes durch die Macht der Poesie.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Auf jungen Flügeln kühn entrückt
- Metapher
- Ein Nachkomm uns ins Helle stellt
- Personifikation
- Die Muse lächelnd angeblickt