An Se. Excellentz
1665Ich habe/ grosser mann/ zehn jahre dich gekannt/ Und drey jahr dich gehört; gleichwohl ist meine hand/ Die manchem stümper offt ein ehren-lied geschrieben/ Dir dein verdientes lob mit fleisse schuldig blieben. Mit fleisse denckestu? Ja/ grosser Stryck/ mit fleiß; Denn du hast alles zwar/ was man zu rühmen weiß. Die mutter hat dich nicht mit grober milch erzogen; Die Musen sind dir mehr/ als du begehrst/ gewogen/ Und gehn/ wohin du ziehst/ mit vollem hauffen nach. Dein thun ist wohlbedacht/ und wie ein stiller bach/ Der kein geräusche macht/ und doch mehr nutzen bringet/ Als mancher wilder strohm/ der wall und tamm durchdringet. Nechst diesem bist du schön und herrlich anzusehn/ Und darffst die worte nicht erst in dem munde drehn/ Nicht auff die nägel schaun/ nicht mit dem halse dehnen/ Und gantze tacte lang an einer sylbe stehnen. Denn deine wissenschafft ist lauter werck und that/ Und weiß nicht/ wie dem ist/ der viel gelesen hat/ Der einen bücher-kram in seinem kopffe träget/ Und dennoch alle krafft mit ihnen niederleget. Mit kurtzem: die natur hat/ da sie dich gemacht/ Mehr auff ein wunderwerck als einen mensch gedacht; Und hat/ was sieben sonst besonders haben sollen/ Der welt in dir allein beysammen zeigen wollen. So würdig als du bist/ so sehr wirst du geliebt; Kein hoff ist/ so dir nicht geneigte blicke giebt; Die Kön’ge suchen dich auff mehr als hundert meilen. Und liesse sich dein leib/ wie dein verstand/ zertheilen/ So würdest du bereits in halb Europa seyn. Diß alles/ sag ich/ schreibt dich zwar den sternen ein/ Und ist wohl rühmens werth; Allein wie/ nach der lehre Des weisen Solons/ auch bey vollem gut und ehre Kein mensch/ bevor er stirbt/ sich glücklich achten kan/ So war hingegen ich/ und stecke noch im wahn/ Daß sich ein vater erst kan einen vater nennen/ Wenn er sich selbst nicht mehr kan vor den kindern kennen. Drum schien dein wohlseyn mir voll kummer und gefahr/ So lange nicht dein sohn in gleichem stande war. Denn ob ich schon gesehn/ wie du ihn aufferzogen/ Wie er der weißheit milch zu Dantzig eingesogen/ Zu Wittenberg vor fleiß und eyffer offt gebrannt/ Auff reisen keinen blick unfruchtbar angewandt/ Und die gesundheit eh’/ als seine zeit/ verschwendet; Ja/ ob ich gleich gesehn/ wie er den lauff vollendet/ Sich auff die renne-bahn der lehrer schon gestellt/ Und diß in Halle thut/ was dich in aller welt Zu einem wunder macht; So fehlte seinem leben Doch etwas/ so ihm leicht den garaus konte geben: Ich meyne eine frau. Nichts ist so allgemein/ Als eine nacht vermählt/ und schon gequälet seyn. Der aussatz findet sich auch an dem schönsten leibe/ Und Socrates hat recht/ daß mancher nur beym weibe Zwey gute tage hat: den einen/ da er freyt/ Den andern/ da er sie mit erden überstreut. Heut aber hat dich Gott hierinnen auch erhöret; Dein sohn ist wohl beweibt/ dein hauß ist wohl vermehret/ Und nimmt ein solches kind zu seiner tochter an/ Das himmel und vernunfft nicht besser bilden kan/ Und man hier künfftig auch wird ohne namen kennen; Denn wer sie nennen will/ darff nur die schönste nennen. Und nun begreiff ich erst/ was mancher nicht bedenckt/ Warum dir die natur nur einen sohn geschenckt. Sie wuste dich so wohl in stücke nicht zu fassen/ Drum wolte sie dich gantz und nicht gestümpelt lassen. O hocherhobner mann! dein lob-lied ist zu schwer; Wo nähm ich doch papier/ wo dint’ und federn her? Die worte würden eh’/ als deine thaten/ fehlen; So kan ich mich auch nicht in diesen orden zehlen/ Der mit der schnellen post zum Musen-berge reist/ Der verße/ wie ein brunn das wasser/ von sich geußt/ Und zehen bogen kunst aus einem ermel schüttelt. Die sorgen haben mir die kräffte schon verrüttelt; Und ich empfinde zwar zum reimen einen sinn/ Doch auch bey weitem nicht/ daß ich ein tichter bin. Wiewohl du fragest nichts nach tichtern und poeten; Denn dein erleuchter ruhm hat keinen glantz von nöthen. Wer schreibt/ was du gethan/ und saget/ wer du bist/ Hat so viel wahres schon/ daß er der kunst vergist. Drum laß ich andere bey diesem feste singen/ Und weil dein wohlseyn doch nicht höher ist zu bringen/ Wünsch ich/ wie ehemahls Philippus hat gedacht/ Als man ihm einen tag vier gute posten bracht: Der himmel möge doch/ dafern er ja will plagen/ Auff dieses glücke nur mit kleinen ruthen schlagen.
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Interpretation
Das Gedicht "An Se. Excellentz" von Benjamin Neukirch ist eine Lobrede auf einen hochgeschätzten Mann, der durch seine vielfältigen Talente und Tugenden bewundert wird. Der Autor preist dessen intellektuelle und ästhetische Qualitäten, seine Gelehrsamkeit und seine natürliche Anmut. Er betont, dass dieser Mann nicht nur durch sein Wissen, sondern auch durch sein Tun beeindruckt, und vergleicht ihn mit einem stillen Bach, der mehr Nutzen bringt als ein wilder Strom. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich Neukirch der Familie des Geehrten zu und drückt seine Erleichterung darüber aus, dass dessen Sohn geheiratet und somit das Familienglück vervollkommnet hat. Er reflektiert über die Bedeutung der Ehe und die Sorgen, die mit dem Lebensweg eines Kindes einhergehen. Die Heirat des Sohnes wird als göttliche Erhöhung und Vollendung des väterlichen Glücks dargestellt. Abschließend gesteht der Autor seine eigene Unzulänglichkeit ein, ein angemessenes Loblied auf den Geehrten zu verfassen. Er bekennt, dass seine Kräfte durch Sorgen geschwächt sind und er nicht die Fähigkeit besitzt, die Größe des Mannes in Worte zu fassen. Stattdessen wünscht er sich, dass das Glück des Geehrten nur mit "kleinen Ruthen" vom Himmel gezüchtigt werde, was auf eine gewisse Bescheidenheit und den Wunsch nach anhaltendem Wohlstand hindeutet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit kurtzem: die natur hat/ da sie dich gemacht/ Mehr auff ein wunderwerck als einen mensch gedacht;
- Anapher
- Und nimmt ein solches kind zu seiner tochter an/ Das himmel und vernunfft nicht besser bilden kan/ Und man hier künfftig auch wird ohne namen kennen;
- Bildsprache
- Der aussatz findet sich auch an dem schönsten leibe/ Und Socrates hat recht, daß mancher nur beym weibe/ Zwey gute tage hat: den einen/ da er freyt/ Den andern/ da er sie mit erden überstreut.
- Chiasmus
- So kan ich mich auch nicht in diesen orden zehlen/ Der mit der schnellen post zum Musen-berge reist/ Der verße, wie ein brunn das wasser, von sich geußt/ Und zehen bogen kunst aus einem ermel schüttelt.
- Hyperbel
- Und liegt sich dein leib/ wie dein verstand, zertheilen/ So würdest du bereits in halb Europa seyn.
- Kontrast
- Denn ob ich schon gesehn/ wie du ihn aufferzogen/ Wie er der weißheit milch zu Dantzig eingesogen/ Zu Wittenberg vor fleiß und eyffer offt gebrannt/ Auff reisen keinen blick unfruchtbar angewandt/ Und die gesundheit eh'/ als seine zeit, verschwendet; Ja/ ob ich gleich gesehn/ wie er den lauff vollendet/ Sich auff die renne-bahn der lehrer schon gestellt/ Und diß in Halle thut/ was dich in aller welt/ Zu einem wunder macht; So fehlte seinem leben/ Doch etwas/ so ihm leicht den garaus konte geben: Ich meyne eine frau.
- Metapher
- Und wie ein stiller bach/ Der kein geräusche macht/ und doch mehr nutzen bringet/ Als mancher wilder strohm/ der wall und tamm durchdringet.
- Parallelismus
- Der aussatz findet sich auch an dem schönsten leibe/ Und Socrates hat recht, daß mancher nur beym weibe/ Zwey gute tage hat: den einen/ da er freyt/ Den andern/ da er sie mit erden überstreut.
- Personifikation
- Die musen sind dir mehr/ als du begehrst/ gewogen.
- Rhetorische Frage
- Wo nähm ich doch papier/ wo dint' und federn her?
- Vergleich
- Die Musen sind dir mehr/ als du begehrst/ gewogen.