An Richard Wagner
1866- Februar 1873.
Die nüchterne Spree hat sich berauscht Und ihren Verstand verloren; Andächtig hat Dir Berlin gelauscht Mit großen, und kleinen Ohren.
Viel Gnade gefunden hat Dein Spiel Beim gnädigen Landesvater, Nur läßt ihm der Bau des Reichs nicht viel Mehr übrig für Dein Theater.
Wärst Du der lumpigste General, So würd’ man belohnen Dich zeusisch; Genügen laß Dir für dieses Mal Dreihundert Thälerchen preußisch.
Ertrage heroisch dies Mißgeschick Und mache Dir klar, mein Bester, Die einzig wahre Zukunftsmusik Ist schließlich doch Krupps Orchester.
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Interpretation
Das Gedicht "An Richard Wagner" von Georg Herwegh ist eine satirische und kritische Auseinandersetzung mit dem berühmten Komponisten Richard Wagner und seiner Zeit. Herwegh nimmt dabei die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Epoche aufs Korn und verpackt seine Kritik in humorvolle und scharfzüngige Verse. Das Gedicht beginnt mit einer Anspielung auf die "nüchterne Spree", die sich berauscht hat und ihren Verstand verloren hat. Dies könnte als Metapher für die Begeisterung und den Rausch verstanden werden, den Wagners Musik in Berlin ausgelöst hat. Herwegh beschreibt, wie Berlin andächtig Wagners Werk lauscht, was auf die große Anerkennung und Verehrung hinweist, die der Komponist in der Hauptstadt genoss. Im zweiten Versabschnitt geht Herwegh auf die finanzielle Unterstützung durch den "gnädigen Landesvater" ein, was höchstwahrscheinlich den preußischen König meint. Trotz der Gnade, die Wagners Spiel gefunden hat, bleibt dem Landesvater aufgrund des Baus des Reichs nicht viel mehr übrig für Wagners Theater. Dies deutet auf die begrenzten finanziellen Mittel und die Prioritätensetzung des Staates hin. Der dritte Versabschnitt enthält eine sarkastische Anspielung auf die mögliche Belohnung Wagners, wenn er ein "lumpiger General" wäre. Herwegh suggeriert, dass Wagner als Komponist nicht die gleiche Anerkennung und Belohnung erfährt wie ein militärischer Führer. Die Erwähnung der "dreihundert Thälerchen preußisch" ist eine ironische Anspielung auf die geringe finanzielle Unterstützung, die Wagner erhalten hat. Im letzten Versabschnitt fordert Herwegh Wagner auf, das Missgeschick heroisch zu ertragen und sich klarzumachen, dass die einzig wahre Zukunftsmusik letztendlich Krupps Orchester ist. Hier spielt Herwegh auf die aufkommende Industrialisierung und die Bedeutung der Technik an. Er deutet an, dass die Zukunft eher von technologischen Errungenschaften als von der klassischen Musik geprägt sein wird. Insgesamt ist das Gedicht eine scharfe Kritik an Richard Wagner und seiner Zeit. Herwegh nutzt dabei humorvolle und sarkastische Elemente, um seine Botschaft zu vermitteln. Das Gedicht verdeutlicht die begrenzte Anerkennung und finanzielle Unterstützung, die Wagner als Komponist erfuhr, sowie die aufkommende Bedeutung der Technik und der Industrialisierung. Herweghs Worte sind geprägt von einer gewissen Ironie und stellen eine kritische Auseinandersetzung mit der damaligen Gesellschaft und Politik dar.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- großen, und kleinen Ohren
- Hyperbel
- Drei hundert Thälerchen preußisch
- Ironie
- Wärst Du der lumpigste General, So würd' man belohnen Dich zeusisch
- Kontrast
- Ertrage heroisch dies Mißgeschick
- Metapher
- Krupps Orchester
- Personifikation
- Die nüchterne Spree hat sich berauscht