An Rechnungsrat Gyßer in Müllheim
1804Dunderschieß! Wer rennt mer in mi Gäu? Isch’s der Gyßer? – ‘s isch bi miner Treu Euer Glück, aß Ihr’s sind, Meister Gyßer! Rime her! – Potz Fürio, und Miser- ere, Domine! ‘s hätt schier verseit, hätt mi nit d’Verzwiflung use treit. Jez, was Euer Versli abetrifft, uf mi Seecht, i bi voll Chib und Gift, aß me Ratte mit mer chönnt verge. Drum, i ha gmeint, ‘s chönn ‘s sust niemes meh, weder ich, mit miner lange Pfife, und Ihr wüsset’s au so schön z’begrife. Lueget, ‘s Hamberch sott enander schelte, doch, wil Ihr’s sind, willi ‘s Recht lo gelte. Euer Versli isch so nett und gschlacht, aß i schier mein, i heig’s selber gmacht. Frili, wer’s bidenkt, es isch ke Wunder, aß er’s chönnet, schla’ mi au der Dunder. Ihr trinket urig Poesie in lange Züge z’Müllen an der Post. Tausig Sappermost, isch sel nit e chospire Wi! Aber chömmet, sind er’s echt im Stand, doher au ne Rung ins Welschchornland, sufet Prosa usem nasse Züber in der Chuchi (‘s tribt mer d’Augen über); sel bi Gollig luegt en anderst a. Zwor i wil’s bikenne, jo i ha au no Oberländer Poesie imme Fäßli, und henk d’Zunge dri, wenn’s nit go will. Aber ‘s isch ke Art, nei es isch nüt, uf der sandige Hart. He der wüsset’s wohl, i hannich jo lang und mengmol gseh bim Füeßli stoh. (Churz het Euch no niene niemes gseh, wer’s bihauptet, seit ke Wohret meh.) Selmols, traui, het’s au Batze gchost, bis der füürig Geist in Eure Odere und in Eurem Chopf het welle lodere, und ‘s isch doch nit gsi, wie an der Post. Neie wohl! Se hettich au der Schmid z’Hüglen überlistet mit mim Lied! So ne gscheite Ma, wie Ihr sust sind, chauft e Chatz im Sack, und seig sie blind! Geb der Himmel, aß sie schöner Art und mit chloren Augen use fahrt, wenni ‘s Säckli lös und lock und sag: »Büüsli chumm, und loß di seh am Tag!« Jez, Her Gyßer, bhüetich Gott der Her! Haltet mer mi Grobheit für en Ehr! Und Sanct Michael mit langem Säbel Sollich bschirme! – Johann Peter Hebel. Am fünften November Tusig Achthundert Zwei; i hätt’s schier vergesse, mi armi Treu!
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Interpretation
Das Gedicht "An Rechnungsrat Gyßer in Müllheim" von Johann Peter Hebel ist ein humorvolles und freundschaftliches Gedicht, das den Rechnungsrat Gyßer in Müllheim anspricht. Der Autor, Hebel, verwendet eine umgangssprachliche und volkstümliche Ausdrucksweise, die typisch für seine Alemannische Poesie ist. Das Gedicht beginnt mit einer überraschten und freudigen Begrüßung, bei der Hebel den Rechnungsrat Gyßer in seinem Gäu (Heimat) entdeckt. Er drückt seine Freude darüber aus, dass Gyßer es ist, und lädt ihn ein, näher zu kommen. Hebel lobt dann Gyßers Versuch, Poesie zu schreiben, und findet sie sehr nett und geschickt. Er scherzt, dass er fast glauben könnte, er selbst hätte sie geschrieben, was seine Bewunderung für Gyßers poetisches Talent zeigt. Hebel erwähnt auch, dass Gyßer Poesie in langen Zügen an der Post in Müllheim trinkt, was darauf hindeutet, dass Gyßer ein begeisterter Leser und Liebhaber der Poesie ist. Der Autor vergleicht Gyßers Poesie mit einem kostbaren Wein und schlägt vor, dass sie in der Region Gollig anders betrachtet wird, was auf regionale Unterschiede in der Wertschätzung von Poesie hinweist. Im letzten Teil des Gedichts wünscht Hebel Gyßer alles Gute und hofft, dass er eine schöne Frau findet, die er blind im Sack kauft. Dies ist eine humorvolle Anspielung auf die damalige Praxis, Tiere oder Waren ohne vorherige Inspektion zu kaufen. Hebel schließt das Gedicht mit einem Segen und seiner Unterschrift sowie dem Datum, wobei er bemerkt, dass er fast das Datum vergessen hätte. Insgesamt ist das Gedicht eine herzliche und humorvolle Hommage an den Rechnungsrat Gyßer und seine Liebe zur Poesie.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Churz het Euch no niene niemes gseh
- Anapher
- Dunderschieß! Wer rennt mer in mi Gäu?
- Anspielung
- Domine! ‘s hätt schier verseit
- Hyperbel
- Tausig Sapphormost, isch sel nit e chospire Wi!
- Ironie
- So ne gscheite Ma, wie Ihr sust sind, chauft e Chatz im Sack, und seig sie blind!
- Kontrast
- Lueget, ‘s Hamberch sott enander schelte, doch, wil Ihr’s sind, willi ‘s Recht lo gelte
- Metapher
- Ihr trinket urig Poesie
- Personifikation
- bis der füürig Geist in Eure Odere und in Eurem Chopf het welle lodere
- Rhetorische Frage
- Büüsli chumm, und loß di seh am Tag!