An Milon
1792Zanken will ich nicht und klagen, Aber eins muß ich dir sagen: Du, der du mein Herz gewannst, Milon, der du mich bewirthen Durch ein freundlich Lächeln kannst, Du verschmähtest jüngst die Myrthen, Weil du dich nicht drauf besannst, Daß dein Weigern mich betrübte, Ach du wustest nicht, daß ich In die Veilchen mich verliebte, Welche zum Beneiden sich Dir ans Herz gelegt befanden, Tauschen wollt ich gern mit dir, Und du hast mich nicht verstanden. Diese Veilchen wären mir Heiliger noch als die andern, Die dein Diener mir gebracht; Und sie sollten mit mir wandern In des finstern Grabes Nacht. O wie kannst du das verachten, Was dir meine Liebe beut; Kannst du nicht mein Herz betrachten Bei der Blumen Kleinigkeit? Pflücke du mir auf dem Platze,
Wo dein Fuß zu wandeln pflegt, Blümchen, die der Grasraum trägt, Und ich mache sie zum Schatze. Gänseblümchen nähm ich an, Und ein Zweigchen von den Bäumen, Die ein jeder nutzen kann; Wo in lügnerischen Träumen Sich der arme Kriegesmann Ausgestreckt am Tische weidet, Und noch hungert, wenn er wacht, Und den Reichen noch beneidet, Der sich Promenaden macht. – Solch ein Zweigchen, du mein Lieber! Brich mir im Begegnen ab, Und ich freue mich darüber, Weil mirs Milon gab. –
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Interpretation
Das Gedicht "An Milon" von Anna Louisa Karsch ist ein Liebesgedicht, in dem die Sprecherin ihre Gefühle für Milon zum Ausdruck bringt. Sie möchte nicht streiten oder klagen, sondern ihm eine wichtige Sache mitteilen: Milon hat ihre Gefühle nicht erkannt, als sie ihm Veilchen schenken wollte. Die Sprecherin hätte diese Veilchen, die sich an seiner Brust befanden, gerne gegen andere getauscht, da sie ihr heiliger gewesen wären als die Blumen, die sein Diener ihr brachte. Sie hätte sie sogar ins Grab mitgenommen. Die Sprecherin bittet Milon nun, ihr auf dem Platz, wo er wandelt, kleine Blumen zu pflücken, die der Grasraum trägt, und sie macht sie zu ihrem Schatz. Sie würde sogar Gänseblümchen und einen Zweig von den Bäumen annehmen, die jeder nutzen kann. Die Sprecherin vergleicht dies mit einem armen Kriegsmann, der sich in trügerischen Träumen am Tisch weidet, hungrig bleibt, wenn er aufwacht, und den reichen beneidet, der sich Promenaden macht. Sie bittet Milon, ihr einen solchen Zweig zu brechen, wenn er ihr begegnet, und sie würde sich darüber freuen, weil es von Milon kommt. Das Gedicht zeigt die unerwiderte Liebe der Sprecherin zu Milon. Sie sehnt sich nach seiner Aufmerksamkeit und kleinen Gesten der Zuneigung, wie dem Pflücken von Blumen für sie. Die Sprecherin ist bereit, selbst die einfachsten Blumen als kostbares Geschenk von Milon anzusehen. Sie sehnt sich danach, dass er ihre Liebe erkennt und erwidert, auch wenn es nur durch kleine Zeichen geschieht. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung der Sehnsucht, der unerfüllten Liebe und der Hoffnung auf eine zukünftige Annäherung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wo dein Fuß zu wandeln pflegt
- Hyperbel
- Und ich mache sie zum Schatze
- Metapher
- Solch ein Zweigchen, du mein Lieber! / Bruch mir im Begegnen ab
- Personifikation
- Welche zum Beneiden sich / Dir ans Herz gelegt befanden