An Mignon

Johann Wolfgang von Goethe

1749

Über Tal und Fluß getragen Ziehet rein der Sonne Wagen. Ach, sie regt in ihrem Lauf, So wie deine, meine Schmerzen Tief im Herzen, Immer morgens wieder auf.

Kaum will mir die Nacht noch frommen; Denn die Träume selber kommen Nun in trauriger Gestalt. Und ich fühle dieser Schmerzen, Still im Herzen, Heimlich bildende Gewalt.

Schon seit manchen schönen Jahren Seh′ ich unten Schiffe fahren; Jedes kommt an seinen Ort. Aber ach, die steten Schmerzen, Fest im Herzen, Schwimmen nicht im Strome fort.

Schön in Kleidern muß ich kommen; Aus dem Schrank sind sie genommen, Weil es heute Festtag ist; Niemand ahnet, daß von Schmerzen Herz im Herzen Grimmig mir zerrissen ist.

Heimlich muß ich immer weinen, Aber freundlich kann ich scheinen Und sogar gesund und rot; Wären tödlich diese Schmerzen Meinem Herzen, Ach, schon lange wär ich tot.

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Illustration zu An Mignon

Interpretation

Das Gedicht "An Mignon" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die tiefe Trauer und den Schmerz, den der Sprecher empfindet. Die Natur wird als Spiegel seiner inneren Gefühle dargestellt, wobei die Sonne und der Fluss seine emotionale Verfassung widerspiegeln. Die Schmerzen werden als konstant und unentrinnbar beschrieben, die sich jeden Morgen erneut bemerkbar machen und tief im Herzen verankert sind. Die Nacht bringt keine Erleichterung, da selbst die Träume in trauriger Gestalt erscheinen. Der Sprecher fühlt eine heimliche, bildende Gewalt dieser Schmerzen, die ihn ständig begleiten. Die Schiffe auf dem Fluss, die an ihr Ziel gelangen, stehen im Kontrast zu den Schmerzen, die nicht einfach weggespült werden können. Sie bleiben fest im Herzen verankert und schwimmen nicht im Strom der Zeit fort. Trotz der äußeren Fassade, die der Sprecher aufrecht erhält, indem er sich schön kleidet und freundlich erscheint, ist sein Herz von Schmerzen zerrissen. Er muss seine Trauer verbergen und kann nur heimlich weinen. Die Schmerzen sind so intensiv, dass sie, wäre er nicht in der Lage, sie zu verbergen, schon längst tödlich für ihn wären. Das Gedicht vermittelt die tiefe Verzweiflung und die Unfähigkeit, den Schmerz zu überwinden, und zeigt die Diskrepanz zwischen innerer Zerrüttung und äußerer Erscheinung.

Schlüsselwörter

schmerzen herzen kommen heimlich muß tal fluß getragen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 'S'-Lautes in 'Schmerzen', 'Selber', 'Schwimmen' und 'Strome'.
Enjambement
Die Zeilen 'Über Tal und Fluß getragen Ziehet rein der Sonne Wagen.' und 'Kaum will mir die Nacht noch frommen; Denn die Träume selber kommen' sind Beispiele für Enjambement.
Hyperbel
Die Schmerzen werden als 'tödlich' beschrieben, was eine Übertreibung ist.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem äußeren Erscheinungsbild ('schön in Kleidern', 'freundlich', 'gesund und rot') und dem inneren Zustand ('heimlich weinen', 'Schmerzen', 'Herz im Herzen zerrissen').
Metapher
Die Sonne wird als 'Wagen' bezeichnet, der über Tal und Fluss getragen wird.
Personifikation
Die Sonne wird personifiziert, da sie 'in ihrem Lauf' regt.
Symbolik
Die 'Träume' in 'trauriger Gestalt' symbolisieren die unentrinnbare Natur der Schmerzen.