An meinen Vater
1891In wärmeren Gegenden näher der Sonne Am Ufer des vielentscheidenden Rheins, Umschwärmt von aller Thorheit und Wonne Leichterer Sitten, und feurigen Weins, Denk ich in die beschneiten Gefilde Ach! der Einfalt und der Ruh Mich zurück - da winkest du Sehnsuchtsvoll mir, Vater! zu. Ich seh′s und wein′ und knie vor dem Bilde - Aber ach der schweiffende Wilde Fliehet neuen Thorheiten zu. Als aller Schicksaals-Ahndungen voll Dein Flügel sorgsam über mir schwebte, Ich unter deinen Fittigen strebte Nach unbekannten Weh und Wohl: Erinnerst du dich da - wohl mir! wenn diese Scene Mein Lied dir ins Gedächtniß bringt - Erinnerst du dich noch des Glücklichsten der Söhne Als du von Kindern und Freunden umringt Ihm, schon geweiht zur langen Reise In Tarwasts Haynen ein Blümgen brachst Und feyerlich mit Propheten-Weise Die unvergeßlichen Worte sprachst: Mein Sohn, komm ich dir aus dem Gesicht, Auch in der Ferne - vergiß mein nicht! Laß mich das erstemal in meinem Leben Dir dein Geschenk itzt wiedergeben.
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Interpretation
Das Gedicht "An meinen Vater" von Jakob Michael Reinhold Lenz ist eine tief empfundene Reflexion über die Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und seinem Vater. Das Gedicht beginnt mit einer Szene in wärmeren Gegenden, nahe des Rheins, wo das lyrische Ich von leichteren Sitten und feurigen Weinen umgeben ist. Trotz der Anziehungskraft dieser Umgebung sehnt sich das lyrische Ich nach den schneebedeckten Gefilden der Einfalt und Ruhe, wo der Vater winkt. Diese Sehnsucht wird jedoch durch die Flucht des "schweifenden Wilden" in neue Torheiten unterbrochen. Das zweite Strophenpaar erinnert an die Zeit, als der Vater über dem lyrischen Ich schwebte, voller Ahnung aller Schicksale. Das lyrische Ich strebte unter den Fittichen des Vaters nach unbekanntem Weh und Wohl. Die Erinnerung an diese Szene wird durch das Lied des lyrischen Ichs wieder wachgerufen. Das lyrische Ich erinnert sich an den glücklichsten der Söhne, der von Kindern und Freunden umringt war und zur langen Reise bestimmt war. Der Vater brach ihm ein Blümchen aus Tarwasts Haynen und sprach feierlich mit prophetischer Weise die unvergesslichen Worte: "Mein Sohn, komm ich dir aus dem Gesicht, auch in der Ferne - vergiß mich nicht!" Das lyrische Ich verspricht, dem Vater zum ersten Mal in seinem Leben das Geschenk zurückzugeben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Dir dein Geschenk itzt wiedergeben
- Personifikation
- Umschwärmt von aller Thorheit und Wonne