An meine Wanduhr
1888Schwarzwaldtochter, gute, alte, Gelt, wir kennen uns schon lange? Haben redlich miteinander In gesetzter Kameradschaft Manches Jährchen ausgehalten. Gute Zeiten, schlimme Zeiten Haben wir verlebt zusammen.
Und die schlimmste war von allen, Als es soweit kommen mußte, Daß wir ordentliche Freunde Unter uns beinah’ zerfielen. Damals war es, als du draußen In dem Hausgang dunkel hiengest Und ich deines Pendels Picken Fast nicht mehr ertragen konnte. Weil die Stunden, die er zählte, Stunden waren, wie Verdammte In der Hölle Schlund sie zählen, Damals, als ich nur mit Seufzern, Schwer aus tiefer Brust geholten, Ueber meine eigne Schwelle, In des eignen Hauses Räume Trat und als der Schritt zum Grabe Leichter mir denn Heimkehr däuchte.
Eines Tages aber glaubt’ ich Aus dem schläfrigen Genicke Ein bekanntes, oft geles’nes Dichterwort herauszuhören, Das da heißt: die Stunde rinnt auch Durch den rauh’sten Tag. Von da an Sind wir wieder Freunde worden, Und nachdem der Tage rauh’ster Von dem Pendel war durchschwungen, Hab’ ich dich verpackt, in andre Lande dich mit mir genommen Und von da an, gute Alte, Sind wir nun allein beisammen, In der Stube, nicht im Hausgang Hängst du, mußt sie nicht mehr sehen, Der zulieb man dich verdrängte, Jene Standuhr, jene eitle Aufgeblasene Französin Mit dem schlenkrigen, geschweiften Zierrath, der in Golde flunkert, Mit dem Schäferknaben drüber, Dem empfindsam widrig süßen. Jenes wälsche Prunkgebilde Hast du immerdar, ich weiß es, In der Seele Grund verachtet, Und ich kann dir’s nicht verargen.
Tik, Tak, Tak, Tik, Tik, Tak, Tak, Tik! Und so weiter und so weiter. Oft auch klingt’s, als wären’ s Worte: »Zeit ist Zeit und Zeit ist Zeit und Nichts als Zeit« – O du gesunde Trockenheit, du wasserklare Nüchternheit! Beschwichtigender Mohnsaft der gediegnen, guten Langen Weile, der da wohnet In dem immer, immer gleichen Brunnenrohrgeplauderartig Steten Messingpendelgange! Was ich dir verdanke, weißt du. Wenn ich einmal je versäume – Es geschieht, bezeug’ es, selten – Die Gewichte aufzuziehen, Und du bleibst auf einmal stehen, So erschreck’ ich just als fiel’ ich Aus der Zeit und ihrem Gleichfluß In die Ewigkeit hinunter, – Nicht die Ewigkeit des Himmels, Nein, die Ewigkeit der Qualen, In des Abgrunds Feuerofen, Wo gluthaugige Dämonen, Wo die Larven unsrer eignen Menschenbrust entkettet hausen Und sich selbst die Flammen schüren. Ja, wie grausig geisterhafter Lärm erscheint mir dann die Stille, Wenn der Zeiten ich muß denken, Wo ich, deines Raths vergessend, Takt zu halten, Takt zu halten, In das Chaos, in die wilden Rhythmuslosen Wirbel stürzte.
Ab und zu – nimm mir’s nicht übel, Meine gute, liebe Base! – Hast du freilich auch Momente, Wo der Eifer dich verleitet, Eine Regel, die zum Takte Doch auch billig wird gerechnet, Vorschnell außer Acht zu lassen: Wenn man spricht und wenn man mitten Im Zusammenhang der Rede Sich befindet und der Worte Wichtigstes zu sagen ansetzt, Fängst du an dich laut zu räuspern Mit des Warntons Radgeschnurre Und zerhaust mit deinem Schlage Feinen Wortgewebes Faden. Doch ich hab’ nach kurzem Aerger, Etwa einem derben Fluche Dir’s noch allemal verziehen, Wohlerwägend, daß du eine Frau bist und die Frauen alle Doch nur äußerst ausnahmsweise Warten können, bis der Andre, Bis ihr Mitmensch ausgeredet; – Welcher Punkt Geduld erfordert.
Hast auch Zeiten miterlebet, Die im Stande schon gewesen, Nerven selbst von Stahl und Messing Aufzuregen, ja bisweilen Wirklich aus dem Takt zu bringen: Zeit des Jahres acht und vierzig, Als wir alle trunken waren, Deutschen Parlamentes Wirren, Niedergang der schönen Hoffnung, Blinder Aufruhr, Sieg der alten Ausgelebten traur’gen Mißform, Die man deutschen Bund benamste, Und die Jahre, wo herunter Eine Last von Blei sich senkte Und auf’s Neue das zerspaltne Deutschland zum Gelächter wurde Für die Völker aller Zonen. Endlich regt sich’s in den Lüften, Ostseewogen hört man rauschen, Alte Sagen klingen wieder Ferneher von Nordlandsrecken, An dem Fuß der Düpplerschanzen Blitzt ein Wald von Bajonetten, Stürmt hinan und holt sich droben Die begrab’ne deutsche Ehre. – Aber ach, bald ward es wieder Schwül und dunkel und, ich weiß noch, Eines Tages war’s, als bebtest Du im Fieber, unbegreiflich Bliebst du dann auf einmal stehen Und am Abend, blutumwittert, Kam die Kunde von Sadowa. – Doch wie anders, anders war es Uns an einem andere Tage, Sonnigen Septembermorgen. O wie war es uns zu Muthe, Als du eben zehn Uhr schlugest Und ein Freund zu mir in’s Zimmer Kam gestürzt und mit Verwundern Mich am Schreibtisch ruhig sitzend Fand und rief: Bist taub geworden? Hörst das Laufen nicht und Rufen, Nicht den hellen Jubel draußen? Auf dem Kirchplatz, auf dem Markte Wechseln Chöre und Fanfaren, Fahnen flattern von den Giebeln! Eingekreist von unsrem Heere Wie bei einem Kesseltreiben Hat der wälsche Lügenkaiser Ausgeliefert seinen Degen! Deutschland lebt, ist auferstanden!
Aber nach den großen Zeiten Kam es wieder trüb und trüber, Wußte nicht, warum du so viel Neigung spürest, nachzugehen, Wie ich auch des Pendels Scheibe Sorglich aufwärts schieben mochte. Sumpfluft wehte durch die Fenster, Aufgebrodelt aus dem Schlamme, Aus dem Pfuhl, worin die Seele Unsers Volks, die angefaulte, Von den Siegen dumpf berauschte, Thierisch wühlend sich gebettet; Und vergällt war uns der reine Feuerwein des Hochgefühles Und der vollen Purpurrose Duft war hin, als wär’ darüber Eine Wanze hergekrochen, Und zu Ekel ward die Freude. –
Wird es besser? Wollen’s hoffen, Wollen’s glauben! Ach, wir werden Die Genesung kaum erleben, Denn vergiftete Gewissen Brauchen Zeit, sich auszuheilen. – Etwas heiser, gute Alte? Ja, so starker Wetterwechsel, Auch der letzte harte Winter, Neben dir der heiße Ofen, Die Erhitzung, die Vertrocknung Deines Lebensöls, darauf dann Unausbleiblich die Verkältung – Ich begreif’ es und in deine Katarrhalischen Gefühle Kann ich mich verständnisinnig Theilnahmvoll hineinversetzen. Warte nur, wir werden sorgen, Denn es wird ja bald von Schramberg Wohl dein Landsmann wieder kommen, Weißt, der wackre Uhren-Jakob, Der dich schon einmal kurirte, Den du mehr als die gelehrten Großstadtärzte liebst und achtest.
Wie, Du schnurrst? Du rasselst? Warnest? Richtig, ja die mitternächt’ge Stunde weiset schon der Zeiger, Ueber unsrem Zwiegespräche Ist sie mit den Geistertritten Unbemerkt herangeschlichen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, Achte, neune, zehne, eilfe – Was? nicht weiter? eilf nur schlägst du? So zerstreut? Ei, ei, was treibst du? Das ist stark, das hätt’ ich wirklich Nicht von dir erwartet, Alte! Hätte gute Lust, zur Strafe Heute dich nicht aufzuziehen –
Aber halt! Nein, nein. Ich ahne, Es ist gut gemeint, du willst mir, Wie im Spiel man etwa vorgibt. Wie der Kaufmann einem Kinde Etlich Feigen oder Mandeln Zu der Waare in die Hand legt, Wie das Schaltjahr einen Tag uns, Einen übrigen vergönne, Willst mir so ein Stündchen schenken, Zuwagstündchen, Gratisstündchen, Unverhofftes Urlanbstündchen, Prolongirung der Vakanzzeit, Ausnahmsweisen Thorschluß-Aufschub. Danke! Danke! Und ich will es Mit Gemächlichkeit genießen! Ja, wir wollen’s miteinander Noch ein Stündchen weiter treiben, Wollen uns die dreingegebne Spanne Zeit noch schmecken lassen Und beim Thorschluß nicht erblassen. Dir versprech’ ich: eh’ es schnarret, Eh’ die Angel ächzt und knarret, Eh’ in’s Schloß die Flügel fallen, Dich für deine langen, treuen, Unverdroßnen, alten, neuen Dienste werd’ ich neben allen Andern Freunden, guten, lieben, Durch Vergessen nicht betrüben. Vielmehr sogleich sitz’ ich nieder, Um mit festen Federzügen Testamentlich zu verfügen, Daß nach mir des Hauses Glieder Immerdar dich sollen ehren. Und, wenn einst in späten Tagen Deine Kräfte dir versagen, Dir das Gnadenbrod gewähren: Sollen nimmer dich dem schnöden Auswurfplunder, dem gemeinen Alten Eisen zu vereinen Sinn- und herzlos sich entblöden.
Oder halt! ein bessrer Wille! In demselben Augenblicke, Wo ich nicke, wo ich knicke, Stelle man den Pendel stille! Statt in Rumpelkammerwildniß Sollst du an der Wand dort hangen Bei dem Bild mit vollen Wangen, Meinem alten Knabenbildniß. Wird ein später Enkel deuten Nach der stummen Uhr und fragen, Was sie schweigend will besagen, Mag der Vater, der die Zeiten Kennt, und wär’ es nur vom Lesen, Melden, was in Mannesjahren Der dort Alles hat erfahren, Wie es dazumal gewesen, Was für Stunden ihm gezeiget Und geschlagen hat im Leben Einst die Schwarzwald-Uhr daneben. Und der Enkel sinnt und schweiget.
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Interpretation
Das Gedicht "An meine Wanduhr" von Friedrich Theodor Vischer ist eine tiefgründige Betrachtung über Zeit, Freundschaft und die Vergänglichkeit des Lebens. Vischer personifiziert die Wanduhr als eine alte, treue Freundin, die ihn durch Höhen und Tiefen begleitet hat. Die Uhr symbolisiert Konstanz und Verlässlichkeit in einer sich ständig verändernden Welt. Das Gedicht beginnt mit einer freundschaftlichen Anrede an die Wanduhr, die auf eine lange gemeinsame Geschichte hinweist. Vischer erinnert sich an eine besonders schwere Zeit, als die Uhr draußen im Hausgang hing und ihr Ticken fast unerträglich wurde. Diese Phase symbolisiert eine persönliche Krise des Dichters, in der die Zeit unerträglich langsam zu vergehen schien. Die Rettung kam durch ein Zitat eines Dichters, das ihm half, die Zeit als etwas Konstantes und Beruhigendes zu sehen. Vischer beschreibt dann, wie die Uhr nach dieser Krise ins Haus geholt wurde und fortan ein ständiger Begleiter im täglichen Leben wurde. Die Uhr wird als Gegenpol zu einer aufwendigen, französischen Standuhr dargestellt, die Vischer als oberflächlich und übertrieben empfindet. Die Wanduhr hingegen steht für Einfachheit, Ehrlichkeit und Bodenständigkeit. Im weiteren Verlauf des Gedichts reflektiert Vischer über die Rolle der Uhr in seinem Leben. Sie ist nicht nur ein Zeitmesser, sondern auch ein moralischer Kompass, der ihm hilft, im Gleichgewicht zu bleiben. Das regelmäßige Ticken der Uhr wird als beruhigend und stabilisierend empfunden. Vischer beschreibt, wie beängstigend es ist, wenn die Uhr plötzlich stehen bleibt, und vergleicht dies mit dem Gefühl, aus der Zeit zu fallen und in eine Ewigkeit des Chaos zu stürzen. Das Gedicht endet mit einer liebevollen Zusage, die Uhr auch im Alter zu pflegen und sie nach dem Tod des Dichters in Ehren zu halten. Vischer wünscht sich, dass die Uhr an der Wand hängt, neben seinem Bild, und dass sie zukünftigen Generationen als Erinnerung an vergangene Zeiten dient. Die Uhr wird somit zu einem Symbol für Kontinuität und Erinnerung, das die Zeit überdauert und die Geschichte der Familie weitererzählt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tik, Tak, Tak, Tik, Tik, Tak, Tak, Tik!
- Bildsprache
- Beschwichtigender Mohnsaft der gediegnen, guten Langen Weile
- Hyperbel
- Damals war es, als du draußen In dem Hausgang dunkel hiengest Und ich deines Pendels Picken Fast nicht mehr ertragen konnte.
- Metapher
- Einst die Schwarzwald-Uhr daneben
- Onomatopoesie
- Tik, Tak, Tak, Tik, Tik, Tak, Tak, Tik!
- Personifikation
- Und der Enkel sinnt und schweiget
- Vergleich
- Doch ich hab' nach kurzem Aerger, Etwa einem derben Fluche Dir's noch allemal verziehen