An meine Mutter
1861Ich bin′s gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen, Mein Sinn ist auch ein bißchen starr und zähe; Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe, Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Doch, liebe Mutter, offen will ich′s sagen: Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe, In deiner selig süßen, trauten Nähe Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen.
Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget, Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet, Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?
Quält mich Erinnerung, daß ich verübet So manche Tat, die dir das Herz betrübet? Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?
Im tollen Wahn hatt ich dich einst verlassen, Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende, Und wollte sehn, ob ich die Liebe fände, Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen, Vor jeder Türe streckt ich aus die Hände, Und bettelte um g′ringe Liebesspende - Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immer Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer, Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen, Und ach! was da in deinem Aug′ geschwommen, Das war die süße, langgesuchte Liebe.
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Interpretation
Das Gedicht "An meine Mutter" von Heinrich Heine ist ein tiefgründiges Loblied auf die bedingungslose Liebe einer Mutter. In den ersten Strophen wird die stolze und unabhängige Natur des Sprechers dargestellt, der selbst vor einem König den Kopf hochhalten würde. Doch in der Gegenwart der Mutter überkommt ihn ein demütiges Zagen, was die besondere Wirkung ihrer Nähe unterstreicht. Der zweite Teil des Gedichts erzählt von der Irrfahrt des Sprechers auf der Suche nach Liebe in der Welt. Er durchstreift Gassen und bittet um "g'rigne Liebesspende", doch er erntet nur Hohn und Hass. Diese Reise symbolisiert die Suche nach einer Liebe, die er in der Welt nicht findet. Erschöpft und enttäuscht kehrt er nach Hause zurück. Im letzten Teil des Gedichts wird die tiefe Liebe der Mutter offenbart. Als der Sprecher heimkehrt, erwartet sie ihn mit Tränen in den Augen - Tränen, die die "süße, langgesuchte Liebe" enthalten. Dies verdeutlicht, dass die bedingungslose Liebe einer Mutter die größte und erfüllendste Liebe ist, nach der der Sprecher vergeblich in der Welt gesucht hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Und immer irrte ich nach Liebe, immer
- Metapher
- Das war die süße, langgesuchte Liebe
- Personifikation
- Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet
- Rhetorische Frage
- Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget