An meine Freunde
1802Sind wir denn hier das Spiel des Glückes Das sich bald hier bald dorthin neigt, Und liegen auf der Waage des Geschickes, Die vorhin sank, nun steigt?
Und sollen immer denn Tyrannen Beherrschen unser Wohl und Leid Erhöhen, wenn sie Redliche verbannen Die Niederträchtigkeit!
Und stolze Priester uns gebieten Was unsre Seele glauben soll, Mit Feuer und Schwert verkündigen den Frieden Des heiligen Wahnsinns voll!
Und Kriege ganze Nationen Ins Unglück stürzen um den Ruhm Daß Einem untertan mehr Regionen Als Waffeneigentum?
Und soll uns dann in Fesseln zwingen Die nachgeahmte Häßlichkeit Um Weihrauch einem Mächtigen zu bringen Nur groß durch Schändlichkeit?
Nein! Freunde kommt, laßt uns entfliehen Den Fesseln, die Europa beut, Zu Unverdorbnen nach Taiti ziehen Zu ihrer Redlichkeit.
Und laßt uns da das Volk belehren Wie Orpheus einstens tat; Das Saitenspiel soll ihrer Wildheit wehren Errichten einen Staat,
Wo nur Natur den Szepter führet, Durch weise Künste unterstützt, Und jeder in dem Stand, der ihm gebühret, Dem Vaterlande nützt.
Und wo nicht blutige Trophäen Auf offnem Platze aufgestellt, Und nicht dem Gott zu dem wir innig flehen Ein blutig Opfer fällt.
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Interpretation
Das Gedicht "An meine Freunde" von Novalis ist ein leidenschaftlicher Aufruf zur Flucht aus der vermeintlichen Tyrannei und Verderbtheit Europas. Novalis kritisiert die Ungerechtigkeit und Willkür der Mächtigen, die das Schicksal der Menschen bestimmen, sowie die religiöse Intoleranz und die zerstörerischen Kriege. Er verurteilt die Nachahmung hässlicher und schändlicher Verhaltensweisen und fordert seine Freunde auf, sich von diesen Fesseln zu befreien. Das Gedicht beschreibt eine utopische Vision eines idealen Staates, in dem die Natur und nicht die Gewalt regiert. Novalis schlägt vor, nach Tahiti zu ziehen, einem Ort, der als unberührt und unschuldig gilt. Dort wollen sie das Volk belehren und einen Staat errichten, in dem jeder in seinem Stand nützlich ist und die Künste unterstützt werden. Dieser Staat soll frei von blutigen Trophäen und Opfern sein, was auf eine friedliche und harmonische Gesellschaft hindeutet. Novalis' Gedicht ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach einer besseren Welt, in der die Menschen in Einklang mit der Natur leben und von der Gewalt und Unterdrückung befreit sind. Es ist eine Kritik an der bestehenden Ordnung und ein Aufruf zur Rebellion gegen die herrschenden Missstände. Das Gedicht spiegelt auch die romantische Idealisierung der Natur und der "edlen Wilden" wider, die als Gegenbild zur vermeintlich verkommenen europäischen Gesellschaft dienen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Blutig Opfer fällt
- Personifikation
- Das sich bald hier bald dorthin neigt