An mein Volk

Paula Dehmel

1813

Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein, und auch geehrt; ich weiß es wohl. Aber niemals soll mein Stolz und Wert mir drum gemein mit hunderttausend Andern sein.

Ich hab ein großes Vaterland: zehn Völkern schuldet meine Stirn ihr bißchen Hirn. Ich habe nie das Volk gekannt, aus dem mein reinster Wert entstand.

In meiner Heimat steht ein Baum, den liebe ich, der steht sehr stolz mitten im Mittelholz. Da träumt ich manchen jungen Traum; er wurzelt tief, der hohe Baum.

Da träumt ich, daß der Mensch allein dem hunderttausendfachen Bann entwachsen kann: bis auch die Völker sich befrein zum Volk! - mein Volk, wann wirst du sein?

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Illustration zu An mein Volk

Interpretation

Das Gedicht "An mein Volk" von Paula Dehmel handelt von der Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Die Sprecherin sehnt sich danach, von vielen geliebt und geehrt zu werden, betont jedoch gleichzeitig ihren Stolz und ihren individuellen Wert, der sich von dem der Masse unterscheidet. Sie bezeichnet sich selbst als Bürgerin eines großen Vaterlands, das aus zehn Völkern besteht, und betont, dass ihr Wert nicht aus einer bestimmten Volkszugehörigkeit erwächst. In der zweiten Hälfte des Gedichts wird ein Baum als Symbol für die Heimat der Sprecherin eingeführt. Dieser Baum, der stolz inmitten eines Waldes steht, ist mit vielen Träumen und Erinnerungen verbunden. Die Sprecherin träumt davon, dass der Mensch sich aus der Unterdrückung befreien kann und dass auch die Völker sich zu einem Volk zusammenschließen werden. Der letzte Vers stellt die Frage, wann dieses vereinte Volk, das die Sprecherin als ihr eigenes bezeichnet, entstehen wird. Das Gedicht reflektiert die Spannung zwischen individueller Identität und kollektiver Zugehörigkeit. Die Sprecherin sucht nach einem Gleichgewicht zwischen ihrem persönlichen Stolz und ihrem Wunsch nach Anerkennung einerseits und ihrer Sehnsucht nach einer größeren Gemeinschaft andererseits. Der Baum als Symbol für die Heimat steht für die Wurzeln und die Verbundenheit mit der Vergangenheit, während die Träume von Befreiung und Einheit in die Zukunft weisen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein, und auch geehrt; ich weiß es wohl
Hyperbel
hunderttausendfachen Bann
Metapher
mein Stolz und Wert mir drum gemein mit hunderttausend Andern sein
Parallelismus
Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein, und auch geehrt; ich weiß es wohl
Personifikation
Da träumt ich, daß der Mensch allein dem hunderttausendfachen Bann entwachsen kann
Symbolik
In meiner Heimat steht ein Baum