An mein väterlich Gut, so ich drey Jahr nicht gesehen
1872Glück zu, du ödes Feld! Glück zu, ihr wüsten Auen! Die ich, wann ich euch seh, mit Threnen muß betauen, Weil ihr nicht mehr seyd ihr; so gar hat euren Stand Der freche Mord-Gott Mars grund auß herum gewand. Seyd aber doch gegrüst, seyd dennoch fürgesetzet Dem allem, was die Stat für schön und köstlich schätzet. Ihr wart mir lieb; ihr seyd, ihr bleibt mir lieb und werth; Ich bin, ob ihr verkehrt, noch dennoch nicht verkehrt. Ich bin, der ich war vor. Ob ihr seyd sehr vernichtet, So bleib ich dennoch euch zu voller Gunst verpflichtet, So lang ich ich kan seyn. Wann dann mein seyn vergeht, Kans sein, daß Musa wo an meiner Stelle steht. Gehab dich wol, o Stadt! die du in deinen Zinnen Hast meinen Leib gehabt, nicht aber meine Sinnen. Gehab dich wol! mein Leib ist nun vom Kerker los; Ich darff nun nicht mehr seyn, wo mich zu seyn verdroß. Ich habe dich, du mich, du süsse Vater-Erde! Mein Feuer gläntzt nunmehr auff meinem eignen Herde. Ich geh, ich steh, ich sitz, ich schlaf, ich wach umbsonst; Was theuer mir dort war, das hab ich hier aus Gunst Des Herren der Natur um Habe-Dank zu nissen Und um gesunden Schweiss; darff nichts hingegen wissen Von Vortel und Betrug, von Hinterlist und Neid, Und wo man sonst sich durch schickt etwan in die Zeit. Ich ess′ ein selig Brot, mit Schweiß zwar eingeteiget, Doch daß durch Beckers Kunst und Hefen hoch nicht steiget, Das zwar Gesichte nicht, den Magen aber füllt Und dient mehr, daß es nährt, als daß es Heller gilt. Mein Trinken ist nicht falsch; ich darf mir nicht gedenken, Es sei gebrauen zwier, vom Bräuer und vom Schenken. Mir schmeckt der klare Safft; mir schmeckt das reine Naß, Das ohne Keller frisch, das gut bleibt ohne Vaß, Drum nicht die Nymphen erst mit Ceres dürffen kämpffen, Wer Meister drüber sei, das nichts bedarff zum dämpffen, Weils keinen Schweffelrauch noch sonsten Einschlag hat, Das ohne Geld steht feil, das keine frevle That Hat den iemals gelehrt, der dran ihm ließ genügen. Der Krämer fruchtbar Schwur und ihr genißlich Lügen Hat nimmer Ernt′ um mich; der viel-geplagte Lein Der muß, der kan mir auch anstat der Seiden seyn. Bewegung ist mein Artzt. Die kräuterreichen Wälde Sind Apotheks genug. Geld, Gold wächst auch im Felde; Was mangelt alsdann mehr? Wer Gott zum Freunde hat Und hat ein eignes Feld, fragt wenig nach der Stat, Der vortelhafften Stat, da Nahrung zu gewinnen, Fast ieder muß auff List, auff Tück′, auff Ränke sinnen. Drum hab dich wol, o Stat! Wenn ich dich habe, Feld, So hab ich Haus und Kost, Kleid, Ruh, Gesundheit, Geld.
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Interpretation
Das Gedicht "An mein väterlich Gut, so ich drey Jahr nicht gesehen" von Friedrich Freiherr von Logau thematisiert die Rückkehr des lyrischen Ichs zu seinem heimatlichen Gut nach dreijähriger Abwesenheit. Der Dichter beschreibt den Zustand des verwüsteten Anwesens und der umliegenden Felder, der durch die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges verursacht wurde. Trotz der Zerstörung betont Logau seine ungebrochene Verbundenheit mit seiner Heimat und seinen Vorzug eines einfachen, selbstversorgenden Lebens auf dem Land gegenüber den Verlockungen und Verlockungen der Stadt. In den folgenden Strophen beschreibt Logau ausführlich die Vorzüge seines ländlichen Lebens. Er preist die Selbstversorgung mit Nahrung und Trank, die Bewegung an der frischen Luft als Medizin und die Nutzung von Kräutern aus den Wäldern als Heilmittel. Der Dichter stellt diesen naturnahen Lebensstil dem vermeintlich künstlichen und betrügerischen Treiben in der Stadt gegenüber, wo man auf List und Tücke angewiesen sei, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Logau betont, dass er mit Gott als Freund und einem eigenen Feld alles Notwendige habe und somit die "vortelhaffte Stat" nicht mehr benötige. Abschließend verabschiedet sich der Dichter von der Stadt und bekräftigt seine Entscheidung für das einfache Leben auf dem Land. Er sieht sich als frei und unabhängig, versorgt mit allem, was er zum Leben braucht - Haus, Nahrung, Kleidung, Ruhe, Gesundheit und Geld. Das Gedicht vermittelt eine klare Absage an die vermeintlichen Annehmlichkeiten und den vermeintlichen Fortschritt der Stadt zugunsten eines bescheidenen, aber selbstbestimmten Lebens in Harmonie mit der Natur.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wer Gott zum Freunde hat Und hat ein eignes Feld, fragt wenig nach der Stat
- Antithese
- Ich bin, ob ihr verkehrt, noch dennoch nicht verkehrt
- Apostrophe
- Glück zu, du ödes Feld! Glück zu, ihr wüsten Auen!
- Chiasmus
- Ich hab dich wol, o Stadt! Wenn ich dich habe, Feld, So hab ich Haus und Kost, Kleid, Ruh, Gesundheit, Geld
- Gleichnis
- Ich ess ein selig Brot, mit Schweiß zwar eingeteiget
- Hyperbel
- Gehab dich wol, o Stadt! die du in deinen Zinnen Hast meinen Leib gehabt, nicht aber meine Sinnen
- Metapher
- Glück zu, ihr wüsten Auen! Die ich, wann ich euch seh, mit Threnen muß betauen
- Personifikation
- Der freche Mord-Gott Mars grund auß herum gewand