An mein Auge

Johann Gottfried von Herder

1803

Mattes Auge, Du trübst! Fliehst vom Strahl ins Dunkle, Birgst Dich, leidendes Auge, Ins Dunkle!

Matter Dämmrer, woher Trübst Du? bist verweinet, Leidendes blaues Auge, Wie Abendhimmel?

Matter Dämmrer, nicht! Weine nicht mehr! starre nicht hin Ins Dunkel, In Zukunft!

Schließe Dich, sanftes Auge! Starr’s nicht an! Schlummre! sanftere Träume Werden Dich umschweben!

Schwebt aus Dunkel hervor, Sanftere Träum’! umschwebt sie! Aus dem Schooße der Mitternacht! Der Zukunft!

Schwingt die Flügel! umschwebt Die holde, zarte, Trübe Seele Mit Morgenroth, mit schönerer Welt!

Ich hör’ ihr Schweben! sie kommen! Schließe Dich, sanftes Auge! Schlummre! sie kommen tröstend! Starr’ sie nicht an, die Mitternacht!

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Illustration zu An mein Auge

Interpretation

Das Gedicht "An mein Auge" von Johann Gottfried von Herder thematisiert die Melancholie und Sehnsucht des lyrischen Ichs, das sich an sein "trübes Auge" wendet. Das Auge wird als Symbol für die Seele und deren innere Zustände interpretiert. In den ersten Strophen wird das Auge als "matt" und "trüb" beschrieben, das sich vor dem Licht in die Dunkelheit flüchtet. Dies könnte als Metapher für die innere Traurigkeit und die Flucht vor der Realität gedeutet werden. In den folgenden Strophen appelliert das lyrische Ich an das Auge, nicht mehr zu weinen und nicht mehr in die Dunkelheit zu starren. Es wird aufgefordert, sich zu schließen und sanft zu träumen. Diese Aufforderung kann als Wunsch nach innerem Frieden und Trost interpretiert werden. Das Auge soll sich von den Sorgen und Schmerzen der Gegenwart lösen und in sanftere Träume flüchten. In den letzten Strophen wird das Kommen sanfterer Träume aus der Dunkelheit der Mitternacht beschworen. Diese Träume werden als "schöner" und "besser" als die gegenwärtige Welt beschrieben. Das lyrische Ich hört ihr "Schweben" und fordert das Auge erneut auf, sich zu schließen und zu schlummern, da die tröstenden Träume kommen. Das Gedicht endet mit der Wiederholung der Aufforderung, nicht mehr in die Mitternacht zu starren, was als Aufruf zur Loslösung von der gegenwärtigen Traurigkeit und Hinwendung zu sanfteren, tröstenden Träumen interpretiert werden kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Mattes Auge, Du trübst! Fliehst vom Strahl ins Dunkle, Birgst Dich, leidendes Auge, Ins Dunkle! Matter Dämmrer, woher Trübst Du? bist verweinet, Leidendes blaues Auge, Wie Abendhimmel?
Hyperbel
Schwebt aus Dunkel hervor, Sanftere Träum'! umschwebt sie! Aus dem Schooße der Mitternacht! Der Zukunft!
Imperativ
Schließe Dich, sanftes Auge! Starr's nicht an! Schlummre!
Metapher
Leidendes blaues Auge, Wie Abendhimmel?
Personifikation
Mattes Auge, Du trübst! Fliehst vom Strahl ins Dunkle, Birgst Dich, leidendes Auge, Ins Dunkle!