An Marie
1877Ob ich dich liebe, wolltest du mich fragen - Und was ich liebe, will ich treu dir sagen:
Das Blümchen lieb′ ich, das die würz′gen Düfte Ausstreuet in die lauen Frühlingslüfte, Und doch sich tief verbirgt im dunklen Moos - Kein Auge sieht der Heimath stillen Schooß.
Den See auch lieb′ ich, deß krystallner Quell Dem Blick sich öffnet bis zum Grunde hell, Auf dessen Spiegel sich in sanftem Licht Getreu des Himmels milder Abglanz bricht.
So lieb′ ich auch der Jungfrau still Gemüth, Das nur für Schönes, Heiliges erglüht. Das fromme Herz, das muschelfest umschließt Den reinen Kern, dem Reines nur entsprießt. -
Nun weißt du was ich liebe, denke nach, Ob ich, Marie, dich wohl lieben mag.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "An Marie" von Luise Büchner ist eine poetische Liebeserklärung an eine Frau namens Marie. Die Sprecherin beantwortet Maries Frage nach ihrer Liebe, indem sie die Eigenschaften beschreibt, die sie an ihr bewundert. Sie vergleicht Marie mit zwei Naturphänomenen: einer verborgenen Blume und einem klaren See. Die versteckte Blume symbolisiert Maries innere Schönheit und Reinheit, die nicht jedem offensichtlich ist, aber dennoch existiert und eine starke Wirkung entfaltet. Der klare See steht für Maries Offenheit und Ehrlichkeit, ihre Seele ist für den Betrachter durchschaubar und spiegelt das Gute und Schöne wider. Beide Vergleiche betonen Maries Natürlichkeit, Unverfälschtheit und die Tiefe ihrer Persönlichkeit. Die Sprecherin vergleicht Marie auch mit einer "Jungfrau still Gemüth", was ihre Tugendhaftigkeit, Keuschheit und spirituelle Reinheit unterstreicht. Der Vergleich mit einer Muschel, die einen wertvollen Kern umschließt, verdeutlicht, dass Marie ihre edelsten Eigenschaften schützt und nur dem würdigen Betrachter offenbart. Dies betont Maries würdevolle und geheimnisvolle Natur. Im letzten Vers stellt die Sprecherin die rhetorische Frage, ob sie Marie lieben könne, nachdem sie ihre Bewunderung für die von ihr beschriebenen Eigenschaften zum Ausdruck gebracht hat. Die Antwort liegt auf der Hand: Ja, sie liebt Marie, weil Marie all diese bewundernswerten Eigenschaften in sich vereint. Das Gedicht endet mit einer indirekten Liebeserklärung, die durch die vorherigen Strophen nur noch zu bestätigen braucht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Das fromme Herz, das muschelfest umschließt Den reinen Kern, dem Reines nur entsprießt
- Personifikation
- Kein Auge sieht der Heimath stillen Schooß
- Vergleich
- Auf dessen Spiegel sich in sanftem Licht Getreu des Himmels milder Abglanz bricht