An Marie Louise Shew

Edgar Allan Poe

1847

In des Verstandes eitler Überhebung Verkündete ich einst die »Macht der Sprache«, Bestritt, daß ein Gedanke je erwache, Für den das Wort ohnmächtig zur Belebung. Und gleichsam, die Vermessenheit zu strafen (In der ich mich so überlegen wähnte), Haben zwei Worte, liebliche Akzente, Zweisilbig, italienisch - nur geschaffen, Auf Hermonshügeln, wo in Perlensträngen Vom Firmament Tautropfen niederhängen, Von Engelslippen musikalisch lind Zu zittern - aus dem abgrundtiefen Schachte Der Seele mir Gedanken, ungedachte (Welche die Seelen der Gedanken sind), Herausgelockt - zu wilden Phantasien, Als daß sie selbst der Engel Israfel Dem Gott der Stimmen lieblichste verliehen, Zu formen wüßte. Und trotz dem Befehl Aus deinem Munde fühl′ ich mich erlahmen; Mit diesen süßen Lauten, deinem Namen Als Text, versagt die Macht der Sprache - Kaum fühl′ ich mehr - nicht Fühlen ist dies wache, Der Welt entrückte, völlige Versinken, Lautlose Stehen an der goldnen Schwelle Der Träume, dieses Starren in die Helle, Dieses Erschauern, wenn ich mir zur Linken, Zur Rechten, vor mir, in der Höhe, Und weit, weit weg am fernsten Punkt, wo sich Mein Blick verliert, nichts andres sehe Als dich. -

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Illustration zu An Marie Louise Shew

Interpretation

Das Gedicht "An Marie Louise Shew" von Edgar Allan Poe beschreibt die transformative Kraft der Liebe und die Überwindung intellektueller Arroganz. Der Sprecher gesteht ein, dass er einst die Überlegenheit der Sprache und des Verstandes gepredigt hat, aber durch die bloße Erwähnung des Namens seiner Geliebten wird er in einen Zustand tiefster emotionaler Ergriffenheit versetzt. Die Worte, die einst als mächtig galten, versagen angesichts der Intensität seiner Gefühle. Die Liebe zu Marie Louise Shew löst in dem Sprecher eine Flut von Gedanken und Phantasien aus, die selbst Engel nicht hätten formen können. Er fühlt sich von der Welt entrückt und versinkt in einen Zustand lautlosen Staunens an der Schwelle der Träume. Die Gegenwart seiner Geliebten erfüllt seinen gesamten Wahrnehmungsraum, sodass er nichts anderes mehr sehen kann als sie. Das Gedicht verdeutlicht die Idee, dass wahre Emotionen und Liebe die intellektuelle Überheblichkeit überwinden können. Die Erfahrung der Liebe führt den Sprecher zu einer tieferen, intuitiveren Form des Verstehens, die über die Grenzen der Sprache hinausgeht. Es ist ein Loblied auf die transformative Kraft der Liebe und die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die der Verstand allein nicht erfassen kann.

Schlüsselwörter

macht sprache gedanken fühl weit verstandes eitler überhebung

Wortwolke

Wortwolke zu An Marie Louise Shew

Stilmittel

Alliteration
Zweisilbig, italienisch - nur geschaffen
Anapher
Zur Linken, Zur Rechten, vor mir, in der Höhe
Hyperbel
Und weit, weit weg am fernsten Punkt, wo sich mein Blick verliert
Metapher
Goldnen Schwelle der Träume
Personifikation
Von Engelslippen musikalisch lind