An Luna
1749Schwester von dem ersten Licht, Bild der Zärtlichkeit in Trauer! Nebel schwimmt mit Silberschauer Um dein reizendes Gesicht; Deines leisen Fußes Lauf Weckt aus tagverschloßnen Höhlen Traurig abgeschiedne Seelen, Mich und nächt′ge Vögel auf.
Forschend übersieht dein Blick Eine großgemeßne Weite. Hebe mich an deine Seite! Gib der Schwärmerei dies Glück! Und in wollustvoller Ruh′ Säh der weitverschlagne Ritter Durch das gläserne Gegitter Seines Mädchens Nächten zu.
Des Beschauens holdes Glück Mildert solcher Ferne Qualen; Und ich sammle deine Strahlen, Und ich schärfe meinen Blick. Hell und heller wird es schon Um die unverhüllten Glieder, Und nun zieht sie mich hernieder, Wie dich einst Endymion.
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Interpretation
Das Gedicht "An Luna" von Johann Wolfgang von Goethe ist ein lyrischer Dialog mit dem Mond, der als "Schwester des ersten Lichts" und "Bild der Zärtlichkeit in Trauer" personifiziert wird. Der Mond wird als sanftes und tröstendes Wesen dargestellt, das mit seinem silbernen Licht die Nacht erhellt und die Seele des lyrischen Ichs berührt. Der Nebel, der das Gesicht des Mondes umhüllt, verstärkt die mystische und zärtliche Atmosphäre des Gedichts. In der zweiten Strophe bittet das lyrische Ich den Mond, es an seine Seite zu heben und ihm die Freude der Schwärmerei zu schenken. Es vergleicht sich mit einem Ritter, der durch ein gläsernes Gitter auf seine Geliebte blickt. Dieser Vergleich unterstreicht die Sehnsucht und die unerfüllte Liebe, die das lyrische Ich empfindet. Der Mond wird als ein Vermittler zwischen der irdischen und der himmlischen Welt dargestellt, der dem lyrischen Ich einen Einblick in die Schönheit und das Geheimnis der Nacht ermöglicht. In der dritten Strophe beschreibt das lyrische Ich, wie es die Strahlen des Mondes sammelt und seinen Blick schärft, um die nackten Glieder einer Frau zu sehen. Die Frau wird als eine Art Göttin oder Fee dargestellt, die das lyrische Ich in ihren Bann zieht. Das lyrische Ich vergleicht sich mit Endymion, einem schönen Jüngling aus der griechischen Mythologie, der von der Mondgöttin Selene geliebt wurde. Das Gedicht endet mit einem Hinweis auf die erotische Anziehungskraft des Mondes, der das lyrische Ich in eine Art Rausch versetzt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allusion
- Wie dich einst Endymion
- Metapher
- Und ich sammle deine Strahlen, Und ich schärfe meinen Blick
- Personifikation
- Nebel schwimmt mit Silberschauer Um dein reizendes Gesicht