An Lukianos
1890Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse! Zweitausend Jahre - welche Zeit! Du wandeltest im Fürstentrosse, du kanntest die Athenergosse und pfiffst auf alle Ehrbarkeit. Du strichst beschwingt, graziös und eilig durch euern kleinen Erdenrund - Und Gottseidank: nichts war dir heilig, du frecher Hund!
Du lebst, Lucian! Was da: Kulissen! Wir haben zwar die Eisenbahn - doch auch dieselben Hurenkissen, dieselbe Seele, jäh zerrissen von Geld und Geist - du lebst, Lucian! Noch heut: das Pathos als Gewerbe verdeckt die Flecke auf dem Kleid. Wir brauchen dich. Und ist dein Erbe noch frei, wirfs in die große Zeit!
Du warst nicht von den sanften Schreibern. Du zogst sie splitternackend aus und zeigtest flink an ihren Leibern: es sieht bei Göttern und bei Weibern noch allemal der Bürger raus. Weil der, Lucian, weil der sie machte. -
So schenk mir deinen Spöttermund! Die Flamme gib, die sturmentfachte! Heiß ich auch, weil ich immer lachte, ein frecher Hund!
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Interpretation
Das Gedicht "An Lukianos" von Kurt Tucholsky ist eine Hommage an den antiken Satiriker Lukianos von Samosata. Tucholsky adressiert Lukianos als Freund, Vetter, Bruder und Kampfgenosse und betont die zeitlose Natur seiner Kritik und Satire. Er beschreibt Lukianos als jemanden, der die Athener Gesellschaft durchstreifte und sich über alle Formen von Ehrbarkeit lustig machte. Tucholsky bewundert Lukianos' freche und unverschämte Art, die er als erfrischend und notwendig empfindet. In der zweiten Strophe verdeutlicht Tucholsky, dass trotz der vergangenen Zeit und des technologischen Fortschritts die menschlichen Schwächen und Laster gleich geblieben sind. Er betont, dass Lukianos' Geist und seine Kritik auch heute noch relevant sind. Tucholsky ruft dazu auf, Lukianos' Erbe in die Gegenwart zu tragen und seine satirische Schärfe gegen die Heuchelei und das Pathos der modernen Gesellschaft einzusetzen. Die dritte Strophe würdigt Lukianos als einen scharfen Kritiker, der die Schwächen und Heucheleien seiner Zeit aufdeckte. Tucholsky fordert Lukianos auf, seinen spöttischen Mund und seine feurige Leidenschaft an ihn weiterzugeben. Er akzeptiert die Bezeichnung "frecher Hund" als Kompliment und als Ausdruck seiner eigenen satirischen Haltung. Das Gedicht ist eine leidenschaftliche Aufforderung, den Geist der Kritik und Satire lebendig zu halten und gegen die Missstände der Gesellschaft anzugehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse!
- Bildsprache
- splitternackt
- Hyperbel
- Zweitausend Jahre - welche Zeit!
- Kontrast
- Götter und bei Weibern
- Metapher
- die Flamme
- Personifikation
- dieselbe Seele, jäh zerrissen von Geld und Geist
- Vergleich
- ich ein frecher Hund
- Wiederholung
- Weil der, Lucian, weil der sie machte