An Ludwig Uhland

Anastasius Grün

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Für ein Volk, getreu und bieder, Für ein schönes, freies Recht Kämpften heiß einst deine Lieder, Kühn, wie Helden im Gefecht.

Wem der Sieg durch Waffen glückte, Nicht allein sei Held genannt! Jüngst an deinem Herde drückte Mir wohl auch ein Held die Hand.

Jeder ficht mit eigner Wehre, Priester kämpft mit dem Brevier, Krieger mit dem Schwert und Speere, Mit Gesang und Reimen wir.

Drum sind dir nicht fremd die Lieder, Die ich sang von grünen Höh′n, Für ein Volk, das treu und bieder, Für ein Recht, das frei und schön!

Berge sind emporgeschwollen, Tausend Bäch′ und Ströme ziehn, Land und Fluren endlos rollen Zwischen mir und dir dahin!

In des Waldes grünen Gängen Las manch zarten Zweig ich aus, Manche Ros′ auf Alpenhängen, Und ein Kränzlein wand ich draus.

Gern mit liebevollen Händen Bänd′ ich′s fest an einen Pfeil, Durch die Luft ihn dir zu senden! Doch so weit fliegt selbst kein Pfeil.

Einer Taube wollt′ ich′s schlingen Um das weiße Hälschen gern; Doch bald sänken ihr die Schwingen, Denn das Ziel ist allzufern!

Und von Ungeduld ergriffen Schleudr′ ich′s selber durch die Luft! Leicht zu dir hin seh ich′s schiffen Ueber Strom, Gebirg und Kluft! – –

Sieh, es kehrt′ ein Sieger wieder Heim bei stiller Abendruh′, Bald die müden Augenlider Schloß ihm süßer Schlummer zu.

Doch des Morgens drauf, erwachend, Einen Kranz er vor sich fand Grün und duftig, frisch und lachend Wie von unsichtbarer Hand!

Als er lauscht, sein Haupt erhebend Flöt′ und Saitenspiel begann, Unsichtbarem Ort′ entschwebend, Süß und lieblich, himmelan!

Wer solch Fest von all den Lieben Ihm ersann, nicht ahnt er′s zwar; Doch ins Herz ihm ist′s geschrieben: Daß es wohl die Liebe war. –

So auch hörst Gesang du schallen, Kennst doch nicht den Mund, der singt, Siehst den Kranz auch niederfallen, Doch die Hand nicht, die ihn bringt;

Ahnst aus allen, die dich lieben, Leise kaum den Rechten zwar; Doch ins Herz dir ist′s geschrieben: Daß gewiß die Lieb′ es war!

Wien, im Frühling 1831.

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Illustration zu An Ludwig Uhland

Interpretation

Das Gedicht "An Ludwig Uhland" von Anastasius Grün ist eine Ode an den Dichter Ludwig Uhland, die dessen Engagement für das Volk und die Freiheit lobt. Der Dichter Anastasius Grün erkennt in Uhland einen Helden, der mit seinen Liedern für ein treues und bescheidenes Volk kämpfte. Er betont, dass nicht nur diejenigen, die mit Waffen siegen, als Helden gelten sollten, sondern auch Uhland, der mit seinen Liedern kämpfte. Grün selbst sieht sich in derselben Tradition und singt ebenfalls für das Volk und die Freiheit. Das Gedicht thematisiert auch die räumliche Distanz zwischen den beiden Dichtern, die durch Berge, Flüsse und Wälder voneinander getrennt sind. Grün versucht, einen Kranz aus den Alpen zu Uhland zu schicken, aber die Entfernung ist zu groß. Er scheitert mit verschiedenen Methoden, den Kranz zu übermitteln, wie zum Beispiel mit einem Pfeil oder einer Taube. Schließlich wirft er den Kranz selbst durch die Luft, und er erreicht Uhland auf wundersame Weise. Das Gedicht endet mit einer poetischen Wendung, bei der Uhland den Kranz am nächsten Morgen findet und von unsichtbarer Hand niedergelegt sieht. Er hört auch Gesang und Saitenspiel, ohne den Mund oder die Hand zu sehen, die sie hervorbringen. Grün deutet an, dass dies alles Ausdruck der Liebe ist, die zwischen den beiden Dichtern besteht. Das Gedicht wurde im Frühling 1831 in Wien verfasst und zeigt die Verbundenheit und den Respekt zwischen den beiden Dichtern.

Schlüsselwörter

hand volk bieder recht lieder held gesang grünen

Wortwolke

Wortwolke zu An Ludwig Uhland

Stilmittel

Alliteration
Kühn, wie Helden im Gefecht
Anapher
Für ein Volk, das treu und bieder, Für ein Recht, das frei und schön
Bildsprache
Land und Fluren endlos rollen Zwischen mir und dir dahin
Enjambement
Und von Ungeduld ergriffen Schleudr' ich's selber durch die Luft
Hyperbel
Doch so weit fliegt selbst kein Pfeil
Ironie
Doch des Morgens drauf, erwachend, Einen Kranz er vor sich fand
Kontrast
Süß und lieblich, himmelan
Metapher
Für ein Volk, getreu und bieder, Für ein schönes, freies Recht
Personifikation
Berge sind emporgeschwollen, Tausend Bäch' und Ströme ziehn
Symbolik
Grün und duftig, frisch und lachend
Vergleich
Einer Taube wollt' ich's schlingen Um das weiße Hälschen gern