An Ludwig Löwe

Joseph Christian von Zedlitz

1790

k. k. Hofschauspieler.

Veranlaßt durch sein Gedicht:

»Dein Spiel sey wahr, nie möge Dich verführen »Der falsche Schein, der Thoren oft entzückt; »Durch Wahrheit nur sollst Du die Herzen rühren, »Sie ist der Demant, der den Künstler schmückt! –«

Dieß Wort sprach weihend, an des Tempels Schwelle, Der jüngst verschiedne Meister einst zu Dir: Es ist gefallen auf die rechte Stelle, Auf gutem Boden lag das Saatkorn hier.

Du, der Du selbst zum nun gediehen, Zum edlen Meister, dem die echte Kunst Den immergrünen Priesterkranz verliehen, Der nie gesucht der Aftermuse Gunst:

O, ruf′ es zu den jüngeren Genossen Das große Wort, das der Geschiedne sprach: Wie es aus seinem Munde einst geflossen, So tön′ es nun von Deinen Lippen nach!

O, daß es doch verbreitend weiter trüge Der Wiederhall in jedes Hörers Ohr: Auch in der Kunst ist es der Geist der Lüge, An den die Mus′ ihr Paradies verlor! –

Was einst gewesen, ist nicht mehr zu finden, Die Fratze füllt den Raum, der Genius floh; Nur Tolle sieht man spielen vor den Blinden, Der Mime tobt, der Pöbel wiehert froh.

Der Kenner eifert unbenützte Worte, Dann geht er seines Weges fort und schweigt: Wie fänd′ er würd′ge Lust noch an dem Orte, Wo keine Spur des Wahren sich mehr zeigt? –

Dir hat ein Gott den bessern Drang verliehen, Dein Aug′ ist klar, Dein Will′ ist edel, rein; Den Trug, den Du erkannt, Du wirst ihn fliehen, Ein würd′ges Muster den Genossen seyn!

Und wenn des Hauses hohe Wölbung dröhnet Vom Beifall, den das blöde Urtheil zollt: Preis′t Wahnsinn auch, dem gleicher Wahnsinn fröhnet, Gemeines Erz, bethört, für lautres Gold;

Und grüßt nicht Stimme Dich der Rotte, Wenn, Dir zum Preis, nicht eine Hand sich regt, Doch bleibst Du treu dem Musengotte, Der reinen Flamme, die Dein Busen hegt;

Laß Andre sich zu schnöden Götzen wenden, Um leichte Kränze, die die Menge flicht, Laß Andre buhlen um gemeine Spenden, Und wenn′s die Besten thun, Du thu′ es nicht!

So zeigst Du werth Dich jener edlen Geister, Die über′m Grab ihr Ruhm noch überlebt; Ein würdiger Genosse echter Meister, Um deren Haupt der Strahl der Weihe schwebt.

Und wenn verdorrt die Zweig′ und abgefallen, Die manche Stirne unverdient umlaubt, Wird Deine grünen! Ew′ge Blüthen wallen Nur kurze Frist um das gemeine Haupt! –

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Illustration zu An Ludwig Löwe

Interpretation

Das Gedicht „An Ludwig Löwe“ von Joseph Christian von Zedlitz ist eine anerkennende und ermutigende Ode an den Schauspieler Ludwig Löwe. Es betont die Bedeutung von Wahrheit und Authentizität in der Kunst und ermutigt Löwe, ein Vorbild für jüngere Künstler zu sein. Das Gedicht beginnt mit einer Widmung an Löwe, der als k.k. Hofschauspieler bezeichnet wird. Es erwähnt ein Gedicht von Löwe, in dem er die Wichtigkeit von Wahrheit im Spiel betont. Zedlitz deutet dieses Gedicht als eine Art Weihe für Löwe und vergleicht es mit einem Saatkorn, das auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Im zweiten Teil des Gedichts ermutigt Zedlitz Löwe, das von ihm selbst ausgesprochene Wort der Wahrheit an jüngere Künstler weiterzugeben. Er betont die Bedeutung von Wahrheit in der Kunst und kritisiert den Geist der Lüge, der das Paradies der Musen verderbt hat. Zedlitz beklagt den Verlust echter Kunst und den Aufstieg von Oberflächlichkeit und Täuschung in der Unterhaltungsindustrie. Er lobt Löwe für seinen edlen Charakter und seine klare Vision und ermutigt ihn, ein Vorbild für andere zu sein. Im letzten Teil des Gedichts fordert Zedlitz Löwe auf, auch im Angesicht von Anerkennung und Lob treu zu bleiben. Er ermutigt ihn, sich nicht von oberflächlichem Beifall oder gemeinen Belohnungen beeinflussen zu lassen, sondern seiner inneren Überzeugung treu zu bleiben. Das Gedicht schließt mit der Aussage, dass Löwe würdig ist, in die Reihe der edlen Geister aufgenommen zu werden, die über ihren Tod hinaus Ruhm erlangt haben. Es betont die ewige Natur seiner Kunst und die Vergänglichkeit oberflächlicher Anerkennung.

Schlüsselwörter

meister einst nie wort sprach edlen kunst verliehen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Fratze füllt den Raum
Hyperbel
Nur kurze Frist um das gemeine Haupt
Metapher
Deine grünen! Ew'ge Blüthen wallen
Personifikation
Der Geist der Lüge
Symbol
Der jüngst verschiedne Meister