An Lottchen

Johann Wolfgang von Goethe

1749

Mitten im Getümmel mancher Freuden, Mancher Sorgen, mancher Herzensnot Denk′ ich dein, o Lottchen, denken dein die beiden, Wie beim stillen Abendrot Du die Hand uns freundlich reichtest, Da du uns auf reich bebauter Flur, In dem Schoße herrlicher Natur, Manche leicht verhüllte Spur Einer lieben Seele zeigtest.

Wohl ist mir′s, daß ich dich nicht verkannt, Daß ich gleich dich in der ersten Stunde, Ganz den Herzensausdruck in dem Munde, Dich ein wahres gutes Kind genannt.

Still und eng und ruhig auferzogen, Wirft man uns auf einmal in die Welt; Uns umspülen hunderttausend Wogen, Alles reizt uns, mancherlei gefällt, Mancherlei verdrießt uns, und von Stund zu Stunden Schwankt das leichtunruhige Gefühl; Wir empfinden, und was wir empfunden, Spült hinweg das bunte Weltgewühl.

Wohl, ich weiß es, da durchschleicht uns innen Manche Hoffnung, mancher Schmerz. Lottchen, wer kennt unsre Sinnen? Lottchen, wer kennt unser Herz? Ach, es machte gern gekannt sein, überfließen In das Mitempfinden einer Kreatur Und vertrauend zwiefach neu genießen Alles Leid und Freude der Natur.

Und da sucht das Aug′ so oft vergebens Ringsumher und findet alles zu; So vertaumelt sich der schönste Teil des Lebens Ohne Sturm und ohne Ruh′; Und zu deinem ew′gen Unbehagen Stößt dich heute, was dich gestern zog. Kannst du zu der Welt nur Neigung tragen, Die so oft dich trog Und bei deinem Weh, bei deinem Glücke Blieb in eigenwill′ger, starrer Ruh′? Sieh, da tritt der Geist in sich zurücke, Und das Herz - es schließt sich zu.

So fand ich dich und ging dir frei entgegen. “O sie ist wert, zu sein geliebt!” Rief ich, erflehte dir des Himmels reinsten Segen, Den er dir nun in deiner Freundin gibt.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An Lottchen

Interpretation

Das Gedicht "An Lottchen" von Johann Wolfgang von Goethe ist ein Loblied auf die Freundschaft und die Verbundenheit zweier Seelen. Der Sprecher denkt an Lottchen, während er sich inmitten von Freuden und Sorgen befindet, und erinnert sich an einen gemeinsamen Abend, an dem sie ihm die Hand gereicht und ihm auf einem fruchtbaren Feld die Spuren einer lieben Seele gezeigt hat. Der Sprecher ist froh, dass er Lottchen nicht falsch eingeschätzt hat und sie von Anfang an als ein gutes Kind erkannt hat. Er beschreibt, wie sie beide, still und ruhig erzogen, plötzlich in die Welt geworfen wurden und von vielen Reizen umgeben sind, die sie schwanken lassen. Der Sprecher weiß, dass sie beide Hoffnungen und Schmerzen in sich tragen und dass sie sich nach einem Mitgefühl sehnen, das ihnen erlaubt, ihre Gefühle zu teilen und zu verdoppeln. Er bedauert, dass sie oft vergeblich nach einem solchen Partner suchen und dass sie sich in ihrer Unzufriedenheit von Tag zu Tag ändern. Er bewundert, wie Lottchen sich in sich selbst zurückgezogen hat und ihr Herz geschlossen hat, und er erklärt ihr seine Liebe und seinen Wunsch, dass der Himmel ihr eine Freundin schenkt, die ihr das reinste Glück gibt.

Schlüsselwörter

mancher lottchen natur manche welt mancherlei kennt herz

Wortwolke

Wortwolke zu An Lottchen

Stilmittel

Alliteration
mancher Freuden, mancher Sorgen, mancher Herzensnot
Anapher
daß ich dich nicht verkannt, Daß ich gleich dich in der ersten Stunde
Enjambement
In dem Schoße herrlicher Natur, / Manche leicht verhüllte Spur
Hyperbel
Uns umspülen hunderttausend Wogen
Metapher
In dem Schoße herrlicher Natur
Personifikation
Und zu deinem ew′gen Unbehagen / Stößt dich heute, was dich gestern zog
Vergleich
Wirft man uns auf einmal in die Welt