An lichtgewobener Kette
unknownAn lichtgewobener Kette muß ich hängen Aus hohen Himmeln in das trübe Leben, Genötigt hin und her zu schweben, Weil sanfte Ätherwellen mich bedrängen.
Man haucht mich an mit Worten und mit Klängen, Und schon will meine Flügelwaage beben. Um die Erschütterungen aufzuheben, Dreh ich mich in den ewigen Gesängen.
So sieht man wohl in frommen Kemenaten Aus Watte und aus Werg an einem Faden Die Geistestaube schweben im Geviert.
Sie lauschet unter Kerzen und Gebeten Den sieben Gaben und den scheuen Reden, Dieweil ein Krönlein ihre Haube ziert.
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Interpretation
Das Gedicht "An lichtgewobener Kette" von Hugo Ball handelt von der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit geistiger und poetischer Existenz. Der Sprecher fühlt sich an eine "lichtgewobene Kette" gefesselt, die ihn aus himmlischen Höhen in das trübe Leben zwingt. Er ist gezwungen, hin und her zu schweben, bedrängt von sanften Ätherwellen. Diese metaphorische Darstellung deutet auf die Ambivalenz des Dichtertums hin: einerseits von einer höheren Inspiration getragen, andererseits an die irdische Realität gebunden. Die zweite Strophe verdeutlicht die Anfälligkeit des poetischen Geistes für äußere Einflüsse. Worte und Klänge lassen die "Flügelwaage" beben, was die Empfindlichkeit des Dichters gegenüber Reizen symbolisiert. Um die Erschütterungen auszugleichen, dreht er sich in den "ewigen Gesängen", was auf die Suche nach Beständigkeit und Harmonie in der Dichtung hindeutet. Dieses ständige Schwanken zwischen Inspiration und Irritation prägt die poetische Existenz. Die abschließenden Strophen vergleichen den Dichter mit einer "Geistestaube", die in frommen Kemenaten an einem Faden schwebt. Diese zarte, aus Watte und Werg gefertigte Taube lauscht unter Kerzen und Gebeten den "sieben Gaben" und "scheuen Reden". Das Krönlein auf ihrer Haube symbolisiert die poetische Würde und die Verbindung zum Göttlichen. Das Gedicht vermittelt somit ein Bild der poetischen Existenz als eines fragilen, zwischen Himmel und Erde schwebenden Zustands, der ständiger Inspiration und Hingabe bedarf.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Weil sanfte Ätherwellen mich bedrängen
- Bildsprache
- Die sieben Gaben und den scheuen Reden
- Metapher
- Dieweil ein Krönlein ihre Haube ziert
- Personifikation
- Sie lauschet unter Kerzen und Gebeten