An Levin Schücking
1797Kein Wort, und wär es scharf wie Stahles Klinge, Soll trennen, was in tausend Fäden eins, So mächtig kein Gedanke, daß er dringe Vergällend in den Becher reinen Weins; Das Leben ist so kurz, das Glück so selten, So großes Kleinod, einmal sein statt gelten!
Hat das Geschick uns, wie in frevlem Witze, Auf feindlich starre Pole gleich erhöht, So wisse, dort, dort auf der Scheidung Spitze Herrscht, König über alle, der Magnet, Nicht fragt er, ob ihn Fels und Strom gefährde, Ein Strahl fährt mitten er durchs Herz der Erde.
Blick′ in mein Auge, - ist es nicht das deine, Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich? Du lächelst - und dein Lächeln ist das meine; An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich; Worüber alle Lippen freundlich scherzen, Wir fühlen heil′ger es im eignen Herzen.
Pollux und Kastor, - wechselnd Glühn und Bleichen, Des einen Licht geraubt dem andern nur, Und doch der allerfrömmsten Treue Zeichen. - So reiche mir die Hand, mein Dioskur! Und mag erneuern sich die holde Mythe, Wo überm Helm die Zwillingsflamme glühte.
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Interpretation
Das Gedicht "An Levin Schücking" von Annette von Droste-Hülshoff ist eine leidenschaftliche und tief empfundene Liebeserklärung an ihren Freund und Mentor Levin Schücking. Die Dichterin betont die unzerbrechliche Verbindung zwischen ihnen, die durch tausend Fäden miteinander verwoben ist. Sie vergleicht ihre Beziehung mit einem Becher reinen Weins, der nicht durch scharfe Worte oder negative Gedanken getrübt werden darf. Das Leben ist kurz und das Glück selten, daher ist es ein großes Kleinod, geliebt und nicht nur geschätzt zu werden. In der zweiten Strophe geht es um das Schicksal, das die beiden auf feindliche Pole erhoben hat. Trotz dieser scheinbaren Gegensätzlichkeit herrscht ein Magnet, der sie verbindet und durch das Herz der Erde führt. Die Dichterin fordert Schücking auf, in ihre Augen zu blicken, da sie in ihnen sein eigenes Spiegelbild sieht. Ihr Zorn und ihr Lächeln sind eins, und sie teilen die gleiche Lust und die gleichen Gedanken. Was andere nur freundlich belächeln, fühlen sie auf einer tieferen, heiligeren Ebene. In der letzten Strophe vergleicht die Dichterin ihre Beziehung mit der der Zwillingsbrüder Pollux und Kastor aus der griechischen Mythologie. Obwohl sie abwechselnd glühen und bleichen, ist ihre Liebe ein Zeichen der allerfrömmsten Treue. Die Dichterin bittet Schücking, ihr die Hand zu reichen und die alte Mythe zu erneuern, in der die Zwillingsflamme über dem Helm glühte. Das Gedicht ist ein Ausdruck der tiefen Verbundenheit und der unerschütterlichen Liebe, die die Dichterin für Schücking empfindet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- Zwillingsflamme glühte
- Metapher
- Strahl fährt mitten er durchs Herz der Erde
- Personifikation
- Magnet, König über alle
- Vergleich
- Blick′ in mein Auge, - ist es nicht das deine