An Klara Kugler

Emmanuel Geibel

1918

Wie lieblich fließt durch grüne Tannen Auf Böhmens Höhn der Sonne Strahl! Durchs Dickicht rauscht das Reh von dannen, Durch Felsen blinkt der Quell ins Tal, Und fern zu blauen Bergeswarten Verliert sich träumend Aug’ und Sinn, Du aber wandelst durch den Garten In stiller Anmut lächelnd hin.

Und wie dein Blick mit leiser Frage Sich freundlich zu dem meinen neigt, Da muß ich denken jener Tage, Die mir zuerst dein Herz gezeigt; Da ich, ein ungestümer Knabe, Von dunklem Jugenddrang bewegt Der ersten Lieder frühe Gabe Schamrot in deine Hand gelegt.

Ach, damals klang’s mir leise wider, Was ich voll Sehnsucht vorgefühlt, Und flatternd irrten meine Lieder, Wie wenn der Wind in Saiten wühlt. Noch schwankte vor dem jungen Herzen Die Welt mir wie ein goldner Traum; Allein den Abgrund aller Schmerzen, Der Freuden Gipfel ahnt’ ich kaum.

Doch anders ward es. Leid und Wonne, Nun hab’ ich sie zum Grund erprobt; Mich hat versengt des Südens Sonne, Mich hat des Nordens Sturm umtobt. Ich trank der Liebe vollsten Sprudel, Ich weint’ um die verlorne Lust; Doch in des Lebens wildem Strudel Ward ich des Zieles mir bewußt.

Wenn draußen der verworrne Reigen Des Tages laut und lauter scholl, Lernt’ ich zum Born hinabzusteigen, Aus dem mir ew’ge Klarheit quoll. Mir spielte wie mit kühler Schwinge Ums Haupt der Odem der Natur, Und einsam den Gesang der Dinge Vernahm mein Ohr aus Wald und Flur.

Da ward es hell mir im Gemüte, Ich sah durch eines Geistes Wehn Der Zeiten Schritt, der Blumen Blüte In heil’ger Ordnung wechselnd gehn; Ich sah den Tod das Sein gebären, Den Einklang hört’ ich durch im Zwist, Und ahnend lernt’ ich tief verehren Das Wunder dessen, was da ist.

Was so im Busen ich getragen, Was ich gekämpft, verfehlt, ersiegt, Das laß dir nun dies Büchlein sagen, Drin meine Seele vor dir liegt. So nimm es hin! Und wuchert munter Manch buntes Unkraut auch noch heut: Schon sind die Erstlingshalme drunter Der Ernte, die mein Leben beut.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An Klara Kugler

Interpretation

Das Gedicht "An Klara Kugler" von Emmanuel Geibel ist ein lyrisches Werk, das die Entwicklung des lyrischen Ichs von der Jugend bis zum Erwachsenenalter beschreibt. Es beginnt mit einer idyllischen Beschreibung der Natur in Böhmen, die als Hintergrund für die Begegnung mit Klara Kugler dient. Das lyrische Ich erinnert sich an die Zeit, als es Klara zum ersten Mal begegnete und ihr seine ersten Gedichte überreichte, voller jugendlicher Leidenschaft und Unsicherheit. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert das lyrische Ich über die Erfahrungen, die es seitdem gemacht hat. Es hat sowohl die Höhen der Liebe als auch die Tiefen des Verlustes erlebt und durch die Turbulenzen des Lebens Klarheit und Zielstrebigkeit gewonnen. Die Natur spielt weiterhin eine wichtige Rolle, da sie dem lyrischen Ich Trost und Inspiration bietet und ihm hilft, die Ordnung und den Sinn des Lebens zu verstehen. Im letzten Teil des Gedichts fasst das lyrische Ich seine Erkenntnisse zusammen und präsentiert Klara ein Büchlein mit seinen Gedichten, das seine Seele offenbart. Trotz der Unvollkommenheiten und des "bunten Unkrauts" in seinen Werken sieht das lyrische Ich die "Erstlingshalme" als Vorboten einer reichen Ernte, die sein Leben hervorgebracht hat. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass Klara die Entwicklung und Reifung des lyrischen Ichs nachvollziehen und schätzen kann.

Schlüsselwörter

ward sonne hin lieder lernt sah lieblich fließt

Wortwolke

Wortwolke zu An Klara Kugler

Stilmittel

Alliteration
Schon sind die Erstlingshalme drunter
Anspielung
Was so im Busen ich getragen
Bildsprache
Schon sind die Erstlingshalme drunter / Der Ernte, die mein Leben beut
Hyperbel
Schon sind die Erstlingshalme drunter / Der Ernte, die mein Leben beut
Kontrast
Schon sind die Erstlingshalme drunter / Der Ernte, die mein Leben beut
Metapher
Und ahnend lernt' ich tief verehren / Das Wunder dessen, was da ist
Personifikation
Und einsam den Gesang der Dinge / Vernahm mein Ohr aus Wald und Flur
Symbolik
Der Ernte, die mein Leben beut