An Julie Rettich

Betty Paoli

1845

I.

Der Zweifel, dessen düst′res Zeichen In Nacht und Öde uns verbannt, Kann nimmermehr ein Herz beschleichen, Das dich, du Herrliche, erkannt! Wie bitt′re Qual, wie tiefe Beugniß Durch fremden Unwerth es erfuhr: Du bist ihm ein lebendig Zeugniß Des Adels menschlicher Natur!

Ein Licht scheint von dir auszugehen Das jede Finsterniß erhellt, Mit süßem Duft dich zu umwehen Der Frühling einer schönern Welt. Dein Geist ist′s, dessen kühnes Streben Der Dinge tiefsten Kern durchdringt, Die Seele ist′s, die alles Leben Mit warmer Liebeshuld umschlingt!

Selbst in der Dichtung Zauberreichen Weiß ich mit deinem hohen Sein Ein Frauenbild nur zu vergleichen: Nur Iphigenie allein! Wie sie zum Priesterdienst erlesen, Wie sie mit Gaben überhäuft, Was Wunder, daß aus deinem Wesen Derselbe Balsam niederträuft?!

II.

Der Wandel wohnet in des Menschen Brust, Zum Traumbild wird uns, was wir einst besessen. Das tiefste Weh, den bittersten Verlust, Wir lernen sie verschmerzen und vergessen. Des Lebens rasche Woge steigt und fällt, Der Sehnsucht banger Flehensruf verklinget, Und eine neue blüh′nde Welt entringet Dem Schutt sich einer eingestürzten Welt.

Doch, wenn selbst der Erinn′rung Aschenrest Die flücht′ge Zeit verstreut nach allen Winden, Wenn Alles enden muß, warum nur läßt Der Schmerz um dich sich nimmermehr verwinden? Ist nicht Vergessen jedem Gram gewiß? Warum erwacht mit jedem neuen Tage, Nur herber, trauervoller stets die Klage, Daß dich der Tod aus unserm Kreise riß?

Warum? Weil du in deiner Hoheit Schein, Den Sternen ähnlich, die im Äther schweben, Uns Licht gebracht in′s dunkle Erdensein, Die sich′re Richtung treu uns angegeben! Weil, seit dein großes Herz im Tode brach, Wir die prophetenhafte Stimme missen, Mit welcher unser eigenes Gewissen Aus deinem Munde mahnend zu uns sprach.

Weil deiner Liebe reiches Liebesmal Uns stets gewinkt nach allen Irrefahrten! Weil wir gewohnt, in jeder Noth und Qual Von dir Befreiung, Rettung zu erwarten! Weil, wo kein Hoffen länger Wurzel schlug, Dein mächtig′ Wort, lebend′ger Seele Odem, Uns über allen Unglücks gift′gen Brodem In′s Reich erlösender Gedanken trug.

Das ist′s! Wie heilte uns′re Wunde je Von des Vergessens Nebelflor bedecket, Da jede Trübung, jedes Lebensweh Auf′s neue stets den Schmerz um dich erwecket? Da wir, ach! länger nicht von dir gestützt, Du Kraft der Schwachen, sehend Aug′ der Blinden! In jedem Augenblicke neu empfinden, Daß unser Engel uns nicht mehr beschützt? –

Fort geht des Lebens unbeirrter Lauf, Manch′ werthe Gabe senket sich hernieder, Es tauchen wechselnde Gestalten auf, Doch deines Gleichen kehret nimmer wieder. Das Herz, das einen Himmel in sich barg, Des Menschenthumes wunderbarste Blüthe, Das reinste Bild der Größe und der Güte Zu Staub zerfallen sie in deinem Sarg′!

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Illustration zu An Julie Rettich

Interpretation

Das Gedicht "An Julie Rettich" von Betty Paoli ist eine tief empfundene Hommage an eine verstorbene Person namens Julie Rettich. Die Autorin drückt ihre Bewunderung und Trauer über den Verlust dieser Frau aus, die als eine außergewöhnliche Persönlichkeit beschrieben wird. In den ersten Strophen wird Julie als eine Person dargestellt, die Zweifel und Dunkelheit vertreibt und stattdessen Licht und Hoffnung bringt. Sie wird als Inbegriff von Adel, Geist und Seele beschrieben, die die Menschheit erhebt. Paoli vergleicht sie mit der mythologischen Figur Iphigenie, um ihre edle und barmherzige Natur zu unterstreichen. Der zweite Teil des Gedichts reflektiert über den Verlust und die Unfähigkeit, Julie zu vergessen. Trotz der menschlichen Fähigkeit, Schmerz und Verlust zu überwinden, bleibt die Trauer um Julie unerträglich. Paoli erklärt dies damit, dass Julie eine leitende und prophetische Rolle im Leben der Menschen einnahm, die nun fehlt. Ihre Liebe, ihr Trost und ihre erlösenden Gedanken werden schmerzlich vermisst. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass das Leben weitergeht und neue Gaben bringt, aber Julie als einzigartige Persönlichkeit nicht ersetzt werden kann. Ihr Herz, das einen "Himmel in sich barg", und ihr reiner Charakter, der Größe und Güte verkörperte, sind unwiederbringlich verloren.

Schlüsselwörter

herz welt allen warum jedem stets dessen nimmermehr

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Stilmittel

Metapher
Zu Staub zerfallen sie in deinem Sarg′
Personifikation
Ein Licht scheint von dir auszugehen Das jede Finsternis erhellt
Vergleich
Den Sternen ähnlich, die im Äther schweben