An Jakob Grimm
1806Dahin ist längst der schöne Traum Deutschlands, des einen, ganzen, Wir sehn des Kaiseradlers Flaum zersetzt im Winde tanzen, Seit Deutschlands Zepter barst, und sie um des Reichsapfels Schnitten Wie hungernd Bettelvolk und wie genäsch’ge Knaben stritten.
Das ist dahin! Doch hat die Zeit der Wirrung nicht vernichtet Germania’s Geist; der hat ins Herz der Edlen sich geflüchtet, – Wie Karol’s Ring der Treue tief versenkt im See von Aachen, – Drin träumt er nun Vergangenheit und ahnt ein schön Erwachen.
Da schlief er zwar, doch traun, er lebt! er weiß, daß ihn zu schützen Des Busens Bollwerk nicht erbebt, des Worts Karthaunen blitzen, Daß Burg ihm ragt noch fest: der deutschen Sprache Einheit, Ein Banner sich nicht beugen läßt: der deutschen Treue Reinheit! –
Da wußten sie, es sitz’ ein Mann in Göttingen, der stiere In alten Pergamentenwust, in gothisches Geschmiere; Er dauert sie, daß Urweltstaub ihm so die Lungen beize, Und die verblaßte Ahnenschrift die Augen überreize.
Sie ahnten nicht, daß an dem Tag der Prüfung und Gefahren Der bleichen Lettern Schwarm um ihn als Mannenvolk in Schaaren, Ein Heer, gepanzert, kerngesund vom Scheitel bis zur Zehe, Jahrhundertstaub sich schüttelnd von den Sohlen, einst erstehe!
Sie ahnten nicht, vergilbt Papier werd’ in der Hand des Treuen Urkunde deutscher Ehre, sich so blank und rein erneuen, Ein Dokument mit goldner Schrift und marmorschweren Blättern, Kein Spiel des Winds, der Albions Prachtflotten mag zerschmettern!
Sie ahnten nicht, daß einst ein Paar von kleinen Menschenlippen, – Befugt nur von den Herrn der Welt zu Kuß und Humpennippen, Und etwa noch zum Meineidspiel, – ein Wort aussprechen möge, Das dröhnend, nachgehallt vom Belt bis an die Alpen flöge!
O Preis und Ruhm der Wissenschaft! Es gibt der sonst so armen Der Thron selbst heut als Ehrenwacht Dragoner und Gendarmen! Fürwahr, wo solche Männer fortverbannt, landflüchtig reisen, Müßt strafend ihr nicht aus dem Land, nein, in das Land verweisen!
Du aber, Mann der Treu’ und Ehr’, den wir so herrlich tragen Das Banner deutschen Wortes sahn, du weißt aus alten Sagen: Wenn wo ein Heer feldflüchtig ist, versprengt auf irren Wegen, Ruht auf der letzten Fahne noch ein zaubervoller Segen;
Und wer sie trägt, deß Haupt wird sie als Baldachin umwiegen, Ein Ehrenmantel wird sie stolz um seine Schultern fliegen, Sie wird, thut’s Noth, ihn schützend auch als goldne Wolk’ umschweben, Und ihn, verschleiert all in Glanz, unwürd’gem Volk entheben.
Getrost! Noch steht die schönste Burg, der deutschen Sprache Veste: O daß sie, deine Wartburg, dich bewirth’ und schirm’ aufs Beste! Du rufst von ihren Zinnen dann – wer bricht die je in Trümmer? »Ob Alles auch verloren sei, ist’s doch die Ehre nimmer!«
Beklagen lernt’ ich heut es erst, daß meine Jugend ferne! Zu Göttingen, der guten Stadt, wär’ ich Studiosus gerne, Vor deinem Haus ein Ständchen dir Guitarrenklangs zu schüttern Daß nicht die Scheiben nur davon, auch Herzen sollten zittern;
Daß bis Hannover hin der Sang sich schwänge wundertönig Ans Ohr des Herzogs Cumberland, der jetzt Hannovers König; Versteht er auch des Deutschen Lied von deutscher Ehre schwerlich, Wird sich wohl Einer finden dort, ihm’s zu verwälschen ehrlich.
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Interpretation
Das Gedicht "An Jakob Grimm" von Anastasius Grün ist ein Loblied auf den deutschen Sprachwissenschaftler und Volkskundler Jakob Grimm und seine Verdienste um die deutsche Sprache und Kultur. Grün schildert den Zustand Deutschlands nach dem Zerfall des Heiligen Römischen Reiches und die damit verbundene Zersplitterung des Landes. Trotzdem betont er, dass der deutsche Geist und die Einheit der Sprache weiterleben. Der Dichter preist Grimms wissenschaftliche Arbeit an alten Schriften und Dokumenten, die er als wichtige Quellen deutscher Geschichte und Identität ansieht. Grün prophezeit, dass Grimms Forschungen dereinst zu einer Renaissance des deutschen Nationalbewusstseins führen werden. Er stellt Grimm als einen Mann der Treue und Ehre dar, der die deutsche Sprache und Kultur gegen alle Widrigkeiten verteidigt. Abschließend wünscht sich Grün, dass Grimm seine Studien an der Universität Göttingen fortsetzen kann. Er imaginiert, wie Studenten vor Grimms Haus ein Ständchen anstimmen, dessen Klänge bis zum herrschenden Herzog dringen. Damit verdeutlicht Grün, dass Grimms Werk letztlich auch von der politischen Führung gewürdigt werden wird, auch wenn diese die deutsche Sprache und Kultur nicht vollständig versteht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Deutsche Ehre
- Personifikation
- Germania's Geist
- Vergleich
- Wie hungernd Bettelvolk und wie genäscht'ge Knaben stritten