An ihren verstorbenen Oheim
1764Kommt heraufgestiegen aus dem Sande Ihr Gebeine, die ihr in dem Lande Meiner Jugend eure Ruhe habt! Teurer Greis, belebe deine Glieder, Und ihr Lippen redet einmal wieder, Die ihr mir der Lehren Honig gabt!
Oder du, auf des Olympus Höhe Weißer Schatten, siehe! wo ich gehe: Hinter Rindern auf der Weide nicht! Blick auf diese feinern Menschen nieder, Alle reden deiner Nichte Lieder; Hör auf ihr Gespräch, dein Lobgedicht!
Ewig grünen muß die breite Linde Wo ich, gleich des besten Vaters Kinde, Zärtlich dir an deinem Halse hing, Wenn dich, müde von des Tages Länge, Wie den Schnitter von der Arbeit Menge, Wenn dich matt die Rasenbank empfing.
Unter jenem Dache grüner Blätter Wiederholt ich von dem Gott der Götter Zwanzig unverstandne Stellen dir! Aus der Christen hochgehaltnem Buche Sagt ich dir von manchem dunkeln Spruche, Frommer Mann! und du erklärtest mir,
Gleich den Männern, die in schwarzen Röcken Auf der hohen Kanzel uns entdecken, Welcher Weg zum Leben richtig ist. Wenn du von dem Fall und Gnadenbunde Sagtest, o dann wurden deinem Munde Alle Worte zärtlich aufgeküßt!
Du Bewohner einer Himmels-Sphäre! Siehe, meiner Freuden stille Zähre Fließet über meine Wangen oft. Kannst du reden, teurer Schatten? sage, Ob dein Herz für meine Lebenstage Glück und Ehre dazumal gehofft,
Wenn mein Auge, liegend auf dem Blatte, Täglich weisre Schriften vor sich hatte, Wenn ich auf der Wiese Blümchen las, Sie in meinen kleinen Händen brachte, Sie zur Zierde deiner Haare machte Und auf Rosen lächelnd bei dir saß?
Sei mir dreimal mehr mit Licht bekleidet, Mit der Gottheit Blicken mehr geweidet Als die andern Seelen um dich her! Für die Tropfen alle, die mir werden Aus dem Freuden-Becher hier auf Erden, Tränke dich der Seligkeiten Meer!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "An ihren verstorbenen Oheim" von Anna Louisa Karsch ist ein ergreifendes und emotionales Werk, das die tiefe Verbundenheit der Autorin mit ihrem verstorbenen Onkel zum Ausdruck bringt. Durch lebendige Bilder und eine intensive Sprache vermittelt Karsch ihre Sehnsucht nach dem geliebten Menschen und ihre Dankbarkeit für die gemeinsamen Erinnerungen. Die Autorin sehnt sich danach, ihren Onkel wiederzusehen und mit ihm zu sprechen. Sie imaginiert, wie er aus dem Sand aufersteht und seine Lippen wieder sprechen, um ihr die Lehren zu vermitteln, die er ihr einst gab. Diese Sehnsucht wird durch die Metapher des Schattens auf dem Olymp verstärkt, der auf die "feinern Menschen" herabblickt, die die Lieder der Nichte singen und ihr Lobgedicht hören. Die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit dem Onkel sind von großer Bedeutung für die Autorin. Sie erinnert sich an die Linden, unter denen sie als Kind an seinem Hals hing und ihm zuhörte, wie er müde von der Arbeit zur Ruhe kam. Die gemeinsame Beschäftigung mit religiösen Texten, wie dem "Buch der Christen", wird als besonders prägend beschrieben. Die Worte des Onkels über den "Fall und Gnadenbunde" werden als zärtlich und kostbar empfunden. Die Autorin stellt sich vor, wie ihr Onkel als Bewohner einer "Himmels-Sphäre" ihre Tränen der Freude sieht und sich fragt, ob er für ihre Zukunft Glück und Ehre gehofft hat. Sie erinnert sich an die Zeit, als sie auf dem Rasen Blumen las und sie zur Zierde für das Haar ihres Onkels machte. Die Autorin bittet ihren Onkel, mit Licht und Gottheit bekleidet zu sein und mehr zu sehen als die anderen Seelen um ihn herum. Sie hofft, dass er für die Tropfen der Freude, die sie auf Erden empfängt, mit den unendlichen Seligkeiten des Himmels belohnt wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wenn dich, müde von des Tages Länge
- Anapher
- Wenn du von dem Fall und Gnadenbunde Sagtest, o dann wurden deinem Munde
- Apostrophe
- Oder du, auf des Olympus Höhe Weißer Schatten, siehe! wo ich gehe
- Enjambement
- Aus der Christen hochgehaltnem Buche Sagt ich dir von manchem dunkeln Spruche,
- Hyperbel
- Sei mir dreimal mehr mit Licht bekleidet, Mit der Gottheit Blicken mehr geweidet Als die andern Seelen um dich her!
- Kontrast
- Für die Tropfen alle, die mir werden Aus dem Freuden-Becher hier auf Erden, Tränke dich der Seligkeiten Meer!
- Metapher
- Kommt heraufgestiegen aus dem Sande Ihr Gebeine, die ihr in dem Lande Meiner Jugend eure Ruhe habt!
- Personifikation
- Teurer Greis, belebe deine Glieder, Und ihr Lippen redet einmal wieder,
- Symbolik
- Ewig grünen muß die breite Linde
- Vergleich
- Gleich den Männern, die in schwarzen Röcken Auf der hohen Kanzel uns entdecken,