An Herrn D. Wegnern in Frankfurt an der Oder...
1695Mein Herr/ wann durch die last der auffgelegten bürde Sein hertze thränen-saltz/ das saltz zu blute würde/ So könte dieses wohl ein zeugniß seiner pein/ Doch keine schilderey so grosser schmertzen seyn. Denn wem ist nicht bekandt/ wie man um freunde trauret? Wie lange der verlust von einem kinde dauret? Zwey aber auff einmahl/ scheint warlich allzuviel/ Wenn sie des himmels schluß und sein verborgnes ziel Aus unsern augen reist: Noch mehr/ wann ihre gaben Als wunderwercke sich der welt gewiesen haben/ Und sie ein vater schon auff erden so erhöht/ Daß ihrer jugend baum in vollen früchten steht. Doch sein gesetztes hertz/ das die gedult regieret/ Wird durch den donnerschlag des todtes zwar gerühret/ Nicht aber unterdrückt; denn seine seele denckt/ Daß Gott und himmel offt im giffte zucker schenckt. Er hat mit saurer müh den einen lehren müssen/ Wie auch ein tauber kan der reden deutung wissen. Den andern hat er gar durch fleiß dahin gebracht/ Daß er sich vor der zeit durch sprachen groß gemacht. Allein der höchste will die lehre selbst vollenden/ Drum müssen beyde sich in seine schule wenden: Er aber giebet sich mit grossem ruhme drein; Weil hier auff erden doch nur lauter pfuscher seyn.
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Interpretation
Das Gedicht "An Herrn D. Wegnern in Frankfurt an der Oder" von Benjamin Neukirch ist ein Trauergedicht, das den Schmerz des Verlustes zweier Kinder thematisiert. Der Autor tröstet den trauernden Vater, indem er die Bedeutung der Geduld und des Glaubens an Gott hervorhebt. Das Gedicht beginnt mit einem Bild von Tränen, die sich in Blut verwandeln, was die tiefe Trauer des Vaters symbolisiert. Der Verlust von zwei Kindern wird als besonders schmerzhaft beschrieben, da ihre Gaben und Fähigkeiten der Welt als Wunderwerke erwiesen haben. Der Vater hat die Kinder auf der Erde erzogen und gesehen, wie sie heranwuchsen und ihre Talente entfalteten. Der Autor ermutigt den trauernden Vater, standhaft zu bleiben und sich nicht von der Trauer überwältigen zu lassen. Er erinnert ihn daran, dass Gott oft auch im Leid Gutes bewirkt. Die Kinder sind nun im Himmel und haben ihre Ausbildung bei Gott selbst vollendet. Der Vater muss sich damit abfinden, dass er auf Erden nur ein "Pfuscher" war, der versucht hat, die Kinder zu erziehen, aber letztlich nicht perfekt sein konnte. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf die ewige Herrlichkeit der Kinder im Himmel.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- der todtes zwar gerühret
- Hyperbel
- Zwey aber auff einmahl/ scheint warlich allzuviel
- Metapher
- lafuter pfuscher seyn
- Personifikation
- sein gesetztes hertz/ das die gedult regieret