An Helene

Betty Paoli

1895

I.

Geliebtes Kind! zum Trost, daß ferne Von dir die Welle mich verschlug, Wie ruf′ ich mir so oft, so gerne Zurück dein Antlitz, Zug für Zug! Als wär′st du leibhaft mir erschienen Stehst du vor mir, Geberd′ und Mienen So hold, so sittig und so klug!

Ja! tief hab′ ich es eingesogen, Dein Bild in meiner Seele Grund! Ich seh′ der Stirne reinen Bogen, Das zarte Kinn, den weichen Mund, Der Augen klare Lichtkristalle, Das blonde Haar, im lock′gen Falle Umspielend des Gesichtchens Rund!

Sie mögen neckend nur erwiedern, Ein Schönheitwunder seist du nicht! Wer kann, wer mag den Reiz zergliedern, Der ihn mit süßem Bann umflicht? Wer krittelnd erst durchspäh′n die Züge, Aus denen ohne Falsch und Lüge So rein der Stral des Himmels bricht?

Ich weiß nur Eines: wenn verlocken Mich will ein trügerisches Licht, Die Leidenschaft mit Sturmesglocken Zu dem bethörten Geiste spricht: Dann kämpft den wilden Aufruhr nieder, Des Friedens Klarheit schenkt mir wieder Ein Blick in dieses Angesicht!

Und wenn ich zu erliegen meine Des Tagwerks dumpfem Einerlei, Ein einz′ger Blick auf dich, du Meine! Und ich bin wieder stark und frei. O du mein Licht auf dunklem Pfade! Du Zeugniß mir von Gottes Gnade! Du nur im Herbst erblühter Mai!

II.

So Mancher staunt und sinnt, und weiß Den Grund nicht zu ermessen, Der mich das fremde Kind so heiß Läßt an den Busen pressen.

Weil von Geschlecht sich zu Geschlecht Die Adern nicht verzweigen, Verkennen sie das höh′re Recht Kraft dessen du mein eigen.

Du bist, – mit Zaubermacht bespricht Dieß Wort mir alle Schmerzen, – Zwar Blut von meinem Blute nicht, Doch Herz von meinem Herzen.

III.

Es war an einem Frühlingsmorgen, Die Rosen blühten, der Jasmin, Von dem Gesträuche halb verborgen Lugt′ ich verstohlen nach dir hin. Du knietest an des Weihers Rand, Umspielt vom hellen Sonnenscheine Und suchtest emsig bunte Steine Am Wege, mit geschäft′ger Hand.

Aus Kieseln, gelben, weißen, blauen, Wie sich′s gerade fügt′ und fand, Begannst du dir ein Hans zu bauen Auf des Gerölles feuchtem Sand. Vertieft in deines Werk′s Beschau Sah ich dich wohlgefällig nicken. Da, – nur ein Hauch, ein leises Rücken, – Ach! und verschüttet lag der Bau.

Geduldig, ohne Zorn und Klage, Dein liebes Herz sich drein ergab. Jetzt tratest du zum Rosenhage Und pflücktest ein paar Rosen ab. Doch, kaum von ihrem Duft umwallt, Gewahrtest du im Kelch der einen, Mit gift′gem Bauch und Zappelbeinen, Der Spinne schnöde Mißgestalt.

Ich sah, wie vor dem wüsten Scheuel Ein banger Ekel dich erfaßt! Die Rosen dünkten dich ein Gräuel, Die Herberg′ boten solchem Gast. Du warfst sie hin in′s grüne Moos, Und setztest dich am Ufer nieder, Gesenkt die zarten Augenlider, Die Hände achtlos in dem Schooß.

Umsonst strich dir um Stirn′ und Wangen Die Morgenluft, von Düften schwer. Die Lust am Spiel war dir vergangen, Dich lockte keine Rose mehr! So saßest du in läss′ger Ruh′ Und schautest nur dem Zug der Wellen, Dem Tanz der gaukelnden Libellen, Mit träumerischem Blicke zu.

Durch′s Herz flog mir ein leises Beben, Kaum weiß ich selbst, wie mir geschah, Als ich dich, ohne Wunsch und Streben, So still in dich versunken sah. Ach! und noch heute steigt und schwillt, In mir ein Strom von dunkeln Sorgen. – Erschien an jenem Frühlingsmorgen Vielleicht mir deiner Zukunft Bild?

IV.

»Das nenn′ ich eine Kinderzucht! »Das wäre mir die rechte Liebe, »Die Alles zu entschuld′gen sucht, »Was immer auch ihr Abgott triebe! »Wie lang noch, und das Thierchen hält »Sich für den Mittelpunkt der Welt!«

Dein Vater sprach′s der grimme Mann! Die Predigt war zu meinem Frommen, Weil ich, da du in Acht und Bann, Zu laut Partei für dich genommen. Mir ward dabei ganz schwül und heiß, – Ich sagte nichts und duckte leis.

Dein Mütterlein nahm′s nicht so arg, Mild klang das Wort der Guten, Schönen! »Das Leben ist mit Liebe karg, – »Mag sie des Kindes Stirne krönen! »Thut sie zu viel, das Weltgebraus »Gleicht′s einst durch manch′ Zuwenig aus.«

Er drauf: »Ein wunderlicher Schluß! »Weil rauhe Pfade zu beschreiten, »Soll durch Verwöhnung man den Fuß, »So meinst du, darauf vorbereiten! »Wie kalt die Welt, wie ungelind, »Fühlt doppelt das verzog′ne Kind!«

Still lächelnd blickt ich vor mich hin. Dich zu verzieh′n, mein liebes Leben! Hätt′ ich so Schlimmes auch im Sinn, Nicht Zeit war′ mir dazu gegeben. Dein Morgen- ist mein Abendroth, – Eh′ du verzogen, bin ich todt.

V.

So wenig wie der Quell, in dessen klaren Lichtwellen jetzt mein Angesicht zu schauen, Wenn er als breiter Strom durchwogt die Auen Das längst zerflossene Bild noch wird bewahren:

So wenig wird in spät′rer Jahre Treiben, Wenn Schmerz und Freude, Seligkeit und Bangen Wetteifernd einst den Zoll von dir verlangen, Mein Bild in deiner Seele haften bleiben.

Es sei darum! nicht knüpfe sich dein Leben An eines, dessen Sand, wie bald! verronnen. Das Alter mag sich an Erinn′rung sonnen! Der Jugend ziemt ein frisches Vorwärtsstreben.

Ich wünsche und ersehne nur das Eine: Daß dir auf dieser liebeleeren Erde Zum zweitenmale eine Liebe werde, So tief, so treu, so selbstlos wie die meine.

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Illustration zu An Helene

Interpretation

Das Gedicht "An Helene" von Betty Paoli ist eine tief empfundene Liebeserklärung an ein junges Mädchen namens Helene. Die Autorin beschreibt ihre tiefe Zuneigung und Verbundenheit zu dem Kind, obwohl sie nicht ihre leibliche Mutter ist. Sie betont die Reinheit und Unschuld des Kindes, die sie fasziniert und inspiriert. In der ersten Strophe des Gedichts drückt die Autorin ihre Sehnsucht nach Helene aus, wenn sie von ihr getrennt ist. Sie beschreibt, wie sie sich das Gesicht des Kindes ins Gedächtnis ruft und wie es ihr Trost spendet. Die Autorin betont auch die Intelligenz und Reife des Kindes, die sie bewundert. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt die Autorin eine Begegnung mit Helene am Ufer eines Teichs. Sie beobachtet, wie das Kind Steine sammelt und ein kleines Haus aus Kieseln baut. Als das Haus versehentlich zerstört wird, zeigt Helene Geduld und nimmt es gelassen hin. Die Autorin ist beeindruckt von der Gelassenheit und dem inneren Frieden des Kindes. Im letzten Teil des Gedichts äußert die Autorin ihre Sorgen um Helene's Zukunft. Sie befürchtet, dass das Kind in einer liebeleeren Welt aufwachsen könnte und wünscht sich, dass es eine Liebe finden möge, die so tief, treu und selbstlos ist wie ihre eigene. Die Autorin betont, dass sie Helene nicht als ihre leibliche Tochter betrachtet, sondern als ein Kind, das ihr ans Herz gewachsen ist.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Des Tagwerks dumpfem Einerlei
Anapher
Wie ruf' ich mir so oft, so gerne
Antithese
Thut sie zu viel, das Weltgebraus Gleicht's einst durch manch' Zuwenig aus
Assonanz
So tief, so treu, so selbstlos wie die meine
Hyperbel
Du bist, – mit Zaubermacht bespricht Dieses Wort mir alle Schmerzen
Ironie
Dein Vater sprach's der grimme Mann!
Metapher
Du mein Licht auf dunklem Pfade
Metonymie
Die Rosen dünkten dich ein Gräuel
Oxymoron
Ich sagte nichts und duckte leis
Personifikation
Die Leidenschaft mit Sturmesglocken
Symbolik
Du Zeugniß mir von Gottes Gnade
Synästhesie
Das nenn' ich eine Kinderzucht!
Vergleich
So wenig wie der Quell, in dessen klaren Lichtwellen jetzt mein Angesicht zu schauen