An Hedwig

Friedrich Hebbel

1863

(Eine holsteinische junge Schauspielerin.)

Es war in schöner Frühlingszeit, Als ich dich fand bei Spiel und Scherz, Da drängte all die Lieblichkeit Sich lind, wie nie noch, an mein Herz.

Du selber warst dem Frühling gleich, Der nur verspricht, doch nicht gewährt, Drum ward ich nicht vor Sehnsucht bleich Und von Entzücken nicht verklärt.

Es war der Morgen vor dem Fest, An dem man nur noch Träume tauscht, Das Weh, das keinen Stachel läßt, Die Freude, welche nicht berauscht.

Wie nur noch grün der Rosenstrauch, Doch auch schon grün die Nessel war, So gleich sich die Stunden auch, Die uns beglückten, wunderbar.

Nach manchem Tag kam dann der Tag, Der uns, vielleicht auf ewig, schied; Ich trug es, wie man′s tragen mag, Wenn man den Frühling scheiden sieht.

Nur selten stieg dein holdes Bild Mir auf in der erstarrten Brust, Doch, ward ich einmal weich und mild, So war ich gleich mir dein bewußt.

Und dieses fühl′ ich: blick′ ich einst Von meinem Sterbebett zurück, So ist, daß du mir noch erscheinst, Mein letzter Wunsch, mein letztes Glück.

Du warst mein Lebensengel, sei Denn du mein Todesengel auch, Dann mischt noch in den Herbst der Mai Den überquellend-vollen Hauch.

Am Morgen, wo der Mensch ersteht Für seinen schweren Tageslauf, Und abends, wenn er schlafen geht, Da schaut er gern zum Himmel auf!

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Illustration zu An Hedwig

Interpretation

Das Gedicht "An Hedwig" von Friedrich Hebbel ist ein lyrisches Werk, das die flüchtige Natur einer Begegnung und die anhaltende Wirkung einer vergangenen Liebe thematisiert. Der Sprecher erinnert sich an eine junge Schauspielerin namens Hedwig, die er in der Frühlingszeit traf. Die Begegnung wird als sanft und lieblich beschrieben, jedoch nicht als überwältigend oder berauschend, was auf eine eher subtile und unverbindliche Beziehung hindeutet. Die Vergänglichkeit dieser Begegnung wird durch den Vergleich mit dem Frühling betont, der nur Versprechungen macht, aber keine Erfüllung bringt. Die Beziehung wird als eine Mischung aus Sehnsucht und Freude dargestellt, die nicht zu tiefer Verzweiflung oder übermäßiger Ekstase führt. Der Sprecher beschreibt die Zeit mit Hedwig als eine Periode, in der sich die Stunden kaum voneinander unterscheiden ließen, ähnlich wie die grünen Blätter eines Rosenstrauchs und die Nessel nebeneinander wachsen. Diese Gleichförmigkeit und das Fehlen von Höhepunkten oder Tiefpunkten verleihen der Erinnerung eine besondere Qualität, die sowohl schmerzlich als auch angenehm ist. Im Verlauf des Gedichts wird deutlich, dass die Begegnung mit Hedwig, obwohl sie nicht von Dauer war, einen tiefen Eindruck beim Sprecher hinterlassen hat. Er trägt die Erinnerung an sie in sich, und selbst wenn er selten an sie denkt, ist er sich ihrer bewusst, wenn er es tut. Der Sprecher wünscht sich, dass Hedwig ihm auch im Moment des Todes erscheint, was auf eine tiefe emotionale Verbindung und eine Art von spiritueller Verbundenheit hindeutet. Das Gedicht endet mit dem Bild des Engels, der sowohl im Leben als auch im Tod präsent ist, und symbolisiert so die ewige Natur der Liebe und Erinnerung. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine melancholische, aber auch tröstliche Stimmung. Es reflektiert über die Vergänglichkeit menschlicher Beziehungen und die Art und Weise, wie Erinnerungen an vergangene Liebe das Leben und sogar den Tod beeinflussen können. Hebbel nutzt die Naturmetaphern und die Struktur des Gedichts, um die subtilen, aber tiefgreifenden Auswirkungen einer flüchtigen Begegnung auf die menschliche Seele zu illustrieren.

Schlüsselwörter

gleich warst frühling ward morgen grün tag holsteinische

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Stilmittel

Alliteration
Der nur verspricht, doch nicht gewährt
Bildlichkeit
Wie nur noch grün der Rosenstrauch, / Doch auch schon grün die Nessel war
Hyperbel
Der überquellend-volle Hauch
Kontrast
Die Freude, welche nicht berauscht
Metapher
Du warst mein Lebensengel, sei denn du mein Todesengel auch
Parallelismus
Am Morgen, wo der Mensch ersteht / Für seinen schweren Tageslauf, / Und abends, wenn er schlafen geht
Personifikation
Das Weh, das keinen Stachel läßt
Vergleich
Du selber warst dem Frühling gleich