An Grillparzer

Joseph Christian von Zedlitz

1837

»Laß, hehrer Aar, uns durch die Wolken dringen! Du bist der stärkre, ziehe Du voran! – An Muth Dir gleich, an Kraft Dir unterthan, Versuch′ auch ich′s, und prüfe meine Schwingen.« –

So sprach ein Schwan. – Da hört er siegreich klingen Des Aares Fittig, der den Flug begann, In stiller Kraft hob er sich sonnenan; Der Schwan ersah′s, – da wollt′ das Herz ihm springen.

Doch wie den Aar die Lichtgefild′ umweben, Er auf dem Saum der Rosenwolke ruht, Da rief der Schwan bald in Begeistrungsgluth:

»Dein ist der Sieg! Du kannst zur Sonne schweben; Mir ward ein dunkler Element gegeben.« – Und liebend taucht er nieder in die Fluth. –

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Illustration zu An Grillparzer

Interpretation

Das Gedicht "An Grillparzer" von Joseph Christian von Zedlitz ist eine metaphorische Darstellung des Verhältnisses zwischen zwei Dichtern, wobei der Adler für Grillparzer und der Schwan für den Autor selbst steht. Der Schwan bewundert die Stärke und den Mut des Adlers und möchte ihm folgen, doch als er sieht, wie der Adler mühelos in die Sonne aufsteigt, erkennt er, dass er selbst für eine andere Sphäre bestimmt ist. Der Schwan ist nicht in der Lage, die Höhen zu erreichen, zu denen der Adler aufsteigt, sondern ist dem Element Wasser zugeordnet, in das er sich liebevoll zurückzieht. Der Schwan beginnt das Gedicht mit den Worten: "Laß, hehrer Aar, uns durch die Wolken dringen! Du bist der stärkere, ziehe Du voran!" Er erkennt die Überlegenheit des Adlers an und bittet ihn, den Weg anzuführen. Der Schwan ist bereit, es ebenfalls zu versuchen und seine eigenen Fähigkeiten zu prüfen. Doch als der Adler seinen Flug beginnt und in der Sonne aufsteigt, erkennt der Schwan, dass er selbst nicht in der Lage ist, solche Höhen zu erreichen. Das Herz des Schwans möchte fast vor Enttäuschung springen, da er erkennt, dass er dem Adler nicht ebenbürtig ist. In seiner Begeisterung ruft der Schwan dann aus: "Dein ist der Sieg! Du kannst zur Sonne schweben; Mir ward ein dunkler Element gegeben." Er akzeptiert die Überlegenheit des Adlers und erkennt an, dass ihm ein anderes Element zugeordnet ist. Anstatt sich mit seiner eigenen Unfähigkeit abzufinden, taucht der Schwan liebevoll in die Flut hinab. Dies symbolisiert seine Hingabe an seine eigene künstlerische Natur und seine Akzeptanz seiner eigenen Grenzen. Das Gedicht verdeutlicht somit die Unterschiede zwischen den beiden Dichtern und ihre jeweiligen Stärken und Schwächen.

Schlüsselwörter

schwan aar kraft laß hehrer wolken dringen stärkre

Wortwolke

Wortwolke zu An Grillparzer

Stilmittel

Bildsprache
An Muth Dir gleich, an Kraft Dir unterthan, Versuch' auch ich's, und prüfe meine Schwingen.
Hyperbel
da wollt' das Herz ihm springen.
Kontrast
Dein ist der Sieg! Du kannst zur Sonne schweben; Mir ward ein dunkler Element gegeben.
Metapher
Laß, hehrer Aar, uns durch die Wolken dringen!
Personifikation
So sprach ein Schwan.
Symbolik
Und liebend taucht er nieder in die Fluth.