An Graf Holmer

Johann Heinrich Voß

1772

Wie der Sänger des Hains in dem Käficht, unter dem Maibusch, Welchen die Tochter des Herrn sorgsam im Topfe gepflegt, Um mit früherem Laube des Lieblings Haus zu beschatten, Froher des Sonnenscheins, hüpft und melodischer singt: Klösterlich schwermutsvoll im Ofendunst an dem Fenster, Welches von Nachtfrost blinkt’, oder von Hagel und Sturm Rasselte, saß er bisher mit strupfichter Schwinge, des Sommers Eingedenk, da er frei Wälder und Auen durchflog; Aber nun hüpft er und singt vor dem offenen Fenster des Gartens, Froher des Sonnenscheins, unter dem schimmernden Grün, Daß vor dem hellen Gesange die Jungfrau lächelnd am Nähpult Sich ihr gellendes Ohr schirmet, und Ruh ihm gebeut: Also freut sich der Dichter, der, lange verscheucht, sein umgrüntes Einsames Gartenhaus endlich in Friede bewohnt, Und aus traulicher Kammer, von Mond und Sonne beleuchtet, Garten und Insel und See, Hügel und Wälder umschaut. Immer durchschwärmt sein Blick die Gegenden: oft wie die Biene, Welche Blumen umirrt, und bei den süßeren weilt; Stürmend oft und entzückt, wie der Adler Zeus, da er Nektar Und Ambrosia einst aus der elysischen Flur Brachte, dem Knaben zur Kost, der, ein künftiger Herrscher des Donners, Unter der Grott im Glanz seiner Unsterblichkeit schlief. Heil mir! ich zittre vor Wonn! Ist es Wirklichkeit oder Erscheinung? Meine Stimme, wie hell! fließet von selbst in Gesang! Welchen unsterblichen Namen verkündet der Welt und der Nachwelt Mein Gesang? Wer schuf diese Gefild um mich her? Bin ich dem Markt entflohn, und dem ringsumrasselten Rathaus? Schreckt mich nicht mehr des Gerichts, oder der Gilden Tumult? Nicht der Senatorschmaus, der, vom drängenden Pöbel bewundert, Laut in den Wiegengesang, über der Wöchnerin, tobt? Nicht anwohnender Schergen Besuch, noch des Bürgergehorsams Nächtlicher Lärm? nicht mehr kreischender Buben Gewühl, Zankender Kauf und Verkauf, und des Fuhrmanns Fluch, und der Räder Rollen, die knallende Peitsch, oder der Hunde Gebell? Noch der Greuel des Marktes, der gotische Pranger, des Galgens Bruder! zum Schaugepräng hoch auf den Hügel gepflanzt? Jetzo stört mich nur etwa die Nachtigall fern am bebüschten See, die Schwalb am Gesims, oder das purpurne Licht, Welches durch wankende Rosen und Pfirsiche sanft in die Fenster Meines Kämmerleins schlüpft, und aus dem Traume mich weckt. Oder, wandl’ ich durch Blumen, von duftender Blüte beschattet, Denkend einher, dann umsumst etwa ein Bienchen mein Haupt; Oder die Taube vom Dach umsäuselt mich; oder ein Sperling Schwirrt aus dem Kirschenbaum, schwirrt aus den Erbsen empor. Oft auch, wann ich, beschirmt vor dem Mittag, unter dem Fruchtbaum Lieg, und starrend mein Blick Würmer im Grase verfolgt, Schreckt mich ein fallender Apfel zur Seit, und der grünliche Laubfrosch, Der im Johannsbeerbusch quackend den Regen erseufzt. Oder wenn ich am plätschernden See, in der Linden Umschattung, Sinnend die Wellen zähl, oder den östlichen Blitz Und den farbigen Bogen bewundere, der in des Wassers Zitterndem Spiegel sich krümmt, und das zerstreute Gewölk; Springt oft plötzlich ein Schwarm von Gründlingen hinter der Wolke Fliehendem Schatten empor, schimmernd im sonnigen Glanz; Oder es rauscht unvermutet der Regen durchs Laub, daß ich triefend Heim zu dem Weiblein entflieh, welches am Fenster mich höhnt. Freundliche liebte Natur, du lächelst Weisheit und Einfalt, Freien Sinn, und zur Tat Kraft und Entschluß in das Herz! Wen dein lächelnder Blick zum vertrauteren Liebling geweiht hat, Eilet gern aus dem Dunst und dem Gerassel der Stadt, Eilt in die grünen Gefild, und atmet auf, und empfindet Menschlicher, neben des Hains luftigem Bache gestreckt. Aber wenn sein Schicksal in dumpfige Mauren ihn kerkert, Pflanzt er sich, wie er kann, irgend ein Gärtchen zum Trost; Myrte, Zitron und Rose, die Balsamin und der Goldlack, Und süßduftendes Kraut, schmücken sein Fenstergesims; Eine blühende Lind und Kastanie, nicht von des Gärtners Bildender Schere gestutzt; oder umrankender Wein, Der, voll junger Trauben, sein schwebendes Laub an der Wohnung Sonnige Fenster geschmiegt, säuselt ihm Kühlung und Ruh. Kränz, o Viol und Narzisse, mein Haar! Des Gefildes Bewohner Bin ich, und nicht der Stadt! Schauere Blüten herab, Heiliger Baum, der oft mit Begeisterung meinen geliebten Stolberg einsam umrauscht’; oft uns vereinigte hier, Ihn und Agnes und mich, beschattete: wann, von der Freundschaft Und der schönen Natur himmlischem Nektar entflammt, Unsere Seelengespräche den Edelsten unter den Fürsten Segneten! Heiliger Baum, schauere Blüten herab! Feiernd denk ich Sein, des Edelsten! der nach der Arbeit Hier zu ruhn mir vergönnt; feiernd, o Holmer, auch dein: Denn du sahst das Getümmel um mich, und brachtest die Botschaft Unserm Vater, der uns gerne wie Kinder erfreut!

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Illustration zu An Graf Holmer

Interpretation

Das Gedicht "An Graf Holmer" von Johann Heinrich Voss ist ein Lobgesang auf die Natur und die Freiheit, die sie dem Dichter bietet. Der Autor vergleicht sich mit einem Sänger, der in einem Käfig unter einem Maibusch sitzt und fröhlich singt, da er von der Fürsorge der Tochter seines Herrn profitiert. Ähnlich fühlt sich der Dichter in seinem Gartenhaus wohl, das er nach langer Zeit des Vertrieben-Seins endlich in Frieden bewohnen kann. Er genießt die Aussicht auf Garten, Insel, See, Hügel und Wälder und fühlt sich von der Natur inspiriert. Der Dichter beschreibt, wie sein Blick durch die Gegenden schweift, ähnlich wie eine Biene, die von Blume zu Blume fliegt und bei den süßeren verweilt. Er vergleicht sich auch mit dem Adler Zeus, der Nektar und Ambrosia aus der elysischen Flur brachte. Der Dichter ist überwältigt von der Schönheit seiner Umgebung und fragt sich, ob es Wirklichkeit oder nur eine Erscheinung ist. Er ist erstaunt über seine eigene Stimme, die von selbst in Gesang übergeht, und fragt sich, welchen unsterblichen Namen sein Gesang der Welt und der Nachwelt verkünden wird. Der Dichter kontrastiert die friedliche Umgebung seines Gartens mit dem Lärm und der Hektik der Stadt. Er beschreibt die verschiedenen Geräusche und Szenen, die ihn früher gestört haben, wie den Markt, das Rathaus, das Gericht, den Tumult der Gilden, den Senatorschmaus, die Schergen, den Bürgergehorsam, die Kinder, den Kauf und Verkauf, den Fuhrwerk und die Hunde. Er erwähnt auch den Pranger und den Galgen, die als Symbole für die Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Gesellschaft stehen. In seinem Garten wird er nur von natürlichen Geräuschen gestört, wie dem Gesang der Nachtigall, dem Schwalb am Gesims oder dem purpurnen Licht, das durch die Rosen und Pfirsiche in sein Zimmer fällt. Der Dichter preist die Natur als Quelle der Weisheit und Einfalt und als Geber von freiem Sinn, Kraft und Entschluss. Er ermutigt die Menschen, aus dem Dunst und Gerassel der Stadt in die grünen Gefilde zu fliehen und die Natur zu genießen. Selbst wenn das Schicksal jemanden in eine Stadt zwingt, kann er sich ein kleines Gartengrundstück schaffen, um sich zu trösten. Der Dichter beschließt das Gedicht mit einer Huldigung an den heiligen Baum, der oft seinen geliebten Stolberg umrauscht hat und ihn und seine Freunde Agnes und Stolberg in der Vergangenheit vereint hat. Er denkt an den Edelsten unter den Fürsten und dankt Holmer dafür, dass er die Botschaft an seinen Vater überbracht hat, der sie wie Kinder erfreut.

Schlüsselwörter

oft fenster see blick hains welchen froher sonnenscheins

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Kränz, o Viol und Narzisse, mein Haar!
Anapher
Nicht der Senatorschmaus, der, vom drängenden Pöbel bewundert, Laut in den Wiegengesang, über der Wöchnerin, tobt?
Anspielung
wie der Adler Zeus, da er Nektar Und Ambrosia einst aus der elysischen Flur Brachte, dem Knaben zur Kost
Apostrophe
Heiliger Baum, der oft mit Begeisterung meinen geliebten Stolberg einsam umrauscht’
Hyperbel
Oder wenn ich am plätschernden See, in der Linden Umschattung, Sinnend die Wellen zähl
Metapher
Welche Blumen umirrt, und bei den süßeren weilt
Personifikation
Freundliche liebte Natur, du lächelst Weisheit und Einfalt
Vergleich
Wie der Sänger des Hains in dem Käficht, unter dem Maibusch