An Gott

Christian Friedrich Daniel Schubart

1787

Gott, wenn ich dich als Weltenschöpfer denke, Am Meere steh′, das deiner Faust entrann, Und staunend mich hinuntersenke In diesen Ocean;

Dann fühl′ ich tief der engen Menschheit Schranken - Wirst du mein Geist in Strudeln untergehn? Wird die zertrümmerten Gedanken Dein Sturmwind Gott verwehn?

Denk′ ich die Myriaden Geister alle, Die deine Hand aus Duft und Feuer hob, Und hör′, wie großer Donner Halle Aus ihrem Mund dein Lob;

Und seh′ die Sonnenmassen, die, wie Funken, Auf dein Gebot in fürchterlicher Pracht Des Lichtthrons letzter Stuf′ entsunken, Zu leuchten unsrer Nacht;

Seh′ zittern auf dem Meere Regenbogen, Und deinen Mond in stiller Majestät, Wie er auf den bezähmten Wogen Ein Feuerpfeiler steht;

Und seh′ dich wandeln mit dein Eichenwipfel, Und segentriefend schreiten auf der Au′, Und leuchten auf der Berge Gipfel Und schimmern in dein Thau;

Denk′ deiner Bildungen zahllose Heere In tausendfach veränderter Gestalt, Die Ungeheuer in dem Meere, Die Bestien im Wald;

Und seh′ des Wetters schwarze′ Wolkehhülle Und hör′ die Stürme, heulend aus der Kluft; und hör′ des Donners Schreckgebrülle, Der laut Jehovah! - ruft;

Und den′ die feuerathmenden Vesuve, Fühl′ Erdenschau′r, von schneller Angst gepreßt, Hör′ kriegerischer Rosse Hufe, Und seh′ den Flug der Pest;

Seh′, wie dein Arm hinwegwirft leichtre Ruthen, Und grimmiger nach unsrem Erdball greift, Ihn schüttelt, bis in schwarzen Fluthen Die Sünderwelt ersäuft:

Und denk′ ich dich des letzten Tages Richter, Der Frevler all im Sturm zusammentreibt Ausbläst des hohen Himmels Lichter, Und unsern Ball zerreibt;

Dann die Empörer mit der hohen Rechte Hinunterschleudert in der Höllen Gluth, Daß durch ehtsetzenvolle Nächte Sie brüllen ihre Wuth:

Dann sink′ ich in die tiefste Tiefe, bebe Durch alle Glieder; Schrecken packt den Geist; Es tobt mein Herz, daß das Gewebe Der Adern schier zerreißt.

Ich Staubgemächt, ich Wurm, bestimmt zum Grabe, Mit diesem Theilchen Himmelsluft in mir, Der ich so viel gesündigt habe, Was bin ich, Gott, vor dir?

Vor dir, vor dir, du Schrecklicher, du Großer, Du ewig Unerreichbarer von mir! Jehovah! Schöpfer! Namenloser! Was bin ich Wurm vor dir?

Doch hör′ ich den, den alle Welten kennen, Hör′ deinen Sohn den Brüdern sagen: Wißt! Ihr sollt den euren Vater nennen, Der euer Schöpfer ist;

Seh′ diesen Sohn, der Menschheit an der Spitze, Wie er hinabstirbt seinen großen Tod, Wo er für uns sein Haupt dem Blitze Des Sündenrächers bot:

Dann zittr′ ich auf vor Wonn′ aus meinem Staube; Blick′ hin zu Gott mit heiterm Angesicht, Und hör′ es, wie in mir der Glaube Sein Abba, Abba! spricht.

O! dessen Arme väterlich umfassen Den Staub, den er aus Nächten kommen hieß, Mich, Vater, solltest du verlassen, Den alle Welt verließ?

Solltst mich nicht sehen auf dem Kerkerboden? Nicht sehn die graue Thrän′ im Staub? Wegwerfen mich, wie einen Todten, Der Geier-Wuth zum Raub?

Das thust du nicht, erbarmungsvolles Wesen! So lang dein Geist in meinem Herzen spricht: Wenn Mütter ihres Sohns vergäßen, Vergäß′ ich deiner nicht.

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Illustration zu An Gott

Interpretation

Das Gedicht "An Gott" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist ein tief empfundenes und bewegendes Gebet, das die Beziehung des Menschen zu Gott thematisiert. Der Dichter beginnt mit der Betrachtung der unendlichen Weite und Schönheit der Schöpfung und fühlt sich dabei klein und unbedeutend. Er fragt sich, ob sein Geist in den Strudeln der Schöpfung untergehen wird und ob Gott seine zertrümmerten Gedanken verwehen wird. Doch dann wendet sich der Dichter der Größe und Allmacht Gottes zu. Er denkt an die Myriaden von Geistern, die Gott aus Duft und Feuer gehoben hat, und hört, wie sie Gott loben. Er sieht die Sonnenmassen, die auf Gottes Gebot in furchtbarer Pracht leuchten, und die Regenbogen, die auf dem Meer zittern. Er erkennt Gottes Allgegenwart in der Natur und in den Geschöpfen, die er geschaffen hat. Der Dichter denkt auch an den Tag des Jüngsten Gerichts, an dem Gott die Empörer in die Hölle schleudern wird. Er fühlt sich dabei klein und unbedeutend, aber auch voller Angst und Schrecken. Er fragt sich, was er, ein Wurm, vor Gott ist. Doch dann hört der Dichter den Sohn Gottes, der den Brüdern sagt, dass sie ihren Vater nennen sollen, der ihr Schöpfer ist. Er sieht, wie der Sohn Gottes für die Menschheit stirbt und sein Haupt dem Blitz des Sündersachers bot. Der Dichter fühlt sich dadurch getröstet und voller Freude. Er blickt zu Gott mit heiterem Angesicht und hört, wie der Glaube in ihm "Abba, Abba!" spricht. Der Dichter schließt mit der Gewissheit, dass Gott ihn nicht verlassen wird, auch wenn alle Welt ihn verlassen hat. Er weiß, dass Gott ein erbarmungsvolles Wesen ist, das ihn liebt und beschützt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Denk′ ich die Myriaden Geister alle
Metapher
Vergäß′ ich deiner nicht
Personifikation
Wird die zertrümmerten Gedanken / Dein Sturmwind Gott verwehn?