An Goethe

Friedrich von Schiller

1805

Du selbst, der uns von falschem Regelzwange Zur Wahrheit und Natur zurückgeführt, Der, in der Wiege schon ein Held, die Schlange Erstickt, die unsern Genius umschnürt, Du, den die Kunst, die göttliche, schon lange Mit ihrer reinen Priesterbinde ziert, Du opferst auf zertrümmerten Altären Der Aftermuse, die wir nicht mehr ehren?

Einheim′scher Kunst ist dieser Schauplatz eigen, Hier wird nicht fremden Götzen mehr gedient; Wir können mutig einen Lorbeer zeigen, Der auf dem deutschen Pindus selbst gegrünt. Selbst in der Künste Heiligtum zu steigen, Hat sich der deutsche Genius erkühnt, Und auf der Spur des Griechen und des Britten Ist er dem bessern Ruhme nachgeschritten.

Denn dort, wo Sklaven knien, Despoten walten, Wo sich die eitle Aftergröße bläht, Da kann die Kunst das Edle nicht gestalten, Von keinem Ludwig wird es ausgesät; Aus eigner Fülle muss es sich entfalten, Es borget nicht von ird′scher Majestät, Nur mit der Wahrheit wird er sich vermählen, Und seine Glut durchflammt nur freie Seelen.

Drum nicht, in alte Fesseln uns zu schlagen, Erneuerst du dies Spiel der alten Zeit, Nicht, uns zurückzuführen zu den Tagen Charakterloser Minderjährigkeit. Es wär′ ein eitel und vergeblich Wagen Zu fallen ins bewegte Rad der Zeit; Geflügelt fort entführen es die Stunden; Das Neue kommt, das Alte ist verschwunden.

Erweitert jetzt ist des Theaters Enge, In seinem Raume drängt sich eine Welt; Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge, Nur der Natur getreues Bild gefällt; Verbannet ist der Sitten falsche Strenge, Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held. Die Leidenschaft erhebt die freien Töne, Und in der Wahrheit findet man das Schöne.

Doch leicht gezimmert nur ist Thespis Wagen, Und er ist gleich dem acheront′schen Kahn; Nur Schatten und Idole kann er tragen, Und drängt das rohe Leben sich heran, So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen, Das nur die flücht′gen Geister fassen kann. Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, Und siegt Natur, so muss die Kunst entweichen.

Denn auf dem bretternen Gerüst der Szene Wird eine Idealwelt aufgetan. Nichts sei hier wahr und wirklich, als die Träne, Die Rührung ruht auf keinem Sinnenwahn. Aufrichtig ist die wahre Melpomene, Sie kündigt nichts als eine Fabel an, Und weiß durch tiefe Wahrheit zu entzücken; Die falsche stellt sich wahr, um zu berücken.

Es droht die Kunst vom Schauplatz zu verschwinden, Ihr wildes Reich behauptet Phantasie; Die Bühne will sie wie die Welt entzünden, Das Niedrigste und Höchste menget sie. Nur bei dem Franken war noch Kunst zu finden, Erschwang er gleich ihr hohes Urbild nie: Gebannt in unveränderlichen Schranken Hält er sie fest, und nimmer darf sie wanken.

Ein heiliger Bezirk ist ihm die Szene; Verbannt aus ihrem festlichen Gebiet Sind der Natur nachlässig rohe Töne, Die Sprache selbst erhebt sich ihm zum Lied: Es ist ein Reich des Wohllauts und der Schöne. In edler Ordnung greifet Glied in Glied, Zum ernsten Tempel füget sich das Ganze, Und die Bewegung borget Reiz vom Tanze, Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden, Aus seiner Kunst spricht kein lebend′ger Geist; Des falschen Anstands prunkende Gebärden Verschmäht der Sinn, der nur das Wahre preist! Ein Führer nur zum Bessern soll er werden, Er komme, wie ein abgeschiedner Geist, Zu reinigen die oft entweihte Szene Zum würd′gen Sitz der alten Melpomene.

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Illustration zu An Goethe

Interpretation

Das Gedicht "An Goethe" von Friedrich von Schiller ist eine Hommage an Johann Wolfgang von Goethe, die dessen Bedeutung für die deutsche Literatur und Kunst hervorhebt. Schiller preist Goethe als jemanden, der die deutsche Kunst von fremden Einflüssen befreit und zu einer eigenen, nationalen Identität geführt hat. Er vergleicht Goethe mit einem Helden, der die Schlange erstickt, die den deutschen Genius umschnürt, und sieht in ihm einen Priester der göttlichen Kunst. Schiller betont, dass die deutsche Kunst nicht mehr den Götzen des Auslands dient, sondern auf dem "deutschen Pindus" selbst gewachsen ist. Er lobt Goethe dafür, dass er die deutsche Kunst auf die Spur des Griechen und Briten geführt hat, aber auch darüber hinausgegangen ist, um einen besseren Ruhm zu erreichen. Schiller betont, dass wahre Kunst nur in der Freiheit entstehen kann, wo Despoten und falsche Größe keine Macht haben. Er sieht Goethe als jemanden, der die Kunst nicht in alte Fesseln zurückführt, sondern sie erneuert und weiterentwickelt. Im letzten Teil des Gedichts spricht Schiller die Bedeutung des Theaters an und wie Goethe die Bühne als einen heiligen Bezirk betrachtet. Er lobt Goethes Fähigkeit, die Szene zu einem würdigen Sitz der Melpomene, der Muse der Tragödie, zu machen. Schiller sieht in Goethe einen Führer, der die oft entweihte Szene reinigen und zu einem Ort der wahren Kunst machen kann. Insgesamt ist das Gedicht eine tiefe Anerkennung von Goethes Rolle als Wegbereiter und Erneuerer der deutschen Kunst und Literatur.

Schlüsselwörter

kunst selbst wahrheit natur mehr kann szene held

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Stilmittel

Metapher
Zum würd′gen Sitz der alten Melpomene
Personifikation
Die Kunst, die göttliche