An Gleminden, nach einem Ungewitter

Anna Louisa Karsch

1763

Nicht von den Flügeln starker Winde Heraufgebracht, kam es daher, Das Ungewitter, o Gleminde! Es wälzte sich herauf, so fürchterlich, so schwer, Als wenn in großen Menschenkriegen Zwei Heere langsam ziehn, itzt an einander stehn, Und Kugeln durch die Luft mit Feuerflügeln gehn; So brüllten Donner fort! Die Vögel alle schwiegen, Die Nachtigallen krochen tief In dunkler Hecken Laub, und keine Wachtel rief Der andern zärtlich zu in Furchen, wo der Weizen Den Mund hatt aufgetan, um Regen einzugeizen. Dem Schäfer, der im Schatten schlief, Fuhr Schrecken in das Ohr und in die Brust. Er hörte Das Brausen in dem Wolkenzug. Dem Pflüger sank die Hand an seinem schweren Pflug; Und in der Städte Zimmer störte Das Wetter Gastmahl, Tanz, und Spiel. Der Mut zur Übeltat entfiel Dem Sünder, der sie itzt versteckt begehen wollte; Denn hohl, und unaufhörlich rollte Des Donners schreckliche Gewalt. Dir aber, Freundin, ward das Herz nicht schauerkalt, Du danktest einem Gott, der groß in Ungewittern Nach dürrer Luft und dürrer Zeit Kommt, seinen Erdkreis zu erschüttern, Hervorzubringen Fruchtbarkeit.

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Illustration zu An Gleminden, nach einem Ungewitter

Interpretation

Das Gedicht "An Gleminden, nach einem Ungewitter" von Anna Louisa Karsch beschreibt die Ankunft eines gewaltigen Gewitters und dessen Auswirkungen auf die Natur und die Menschen. Das Unwetter wird als ein bedrohliches und furchterregendes Ereignis dargestellt, das die Umgebung in eine Art Kriegsgefühl versetzt. Das Gedicht schildert, wie die Tiere verstummen und sich verstecken, der Schäfer erschrickt und der Pflüger seine Arbeit unterbricht. Auch in den Städten wird das Gewitter als störend empfunden, es unterbricht Festlichkeiten und lässt selbst den Sünder von seinen Absichten ablassen. Die Gewalt des Donners wird als hohl und unaufhörlich beschrieben. Im Gegensatz zu den anderen Menschen bleibt die Freundin des lyrischen Ichs, Gleminde, von Furcht unberührt. Sie dankt Gott für das Unwetter, da es nach einer trockenen Zeit kommt, um die Fruchtbarkeit der Erde wiederherzustellen. Das Gedicht endet mit der Anerkennung der Größe Gottes in den Unwettern und seiner Rolle als Schöpfer und Erneuerer der Natur.

Schlüsselwörter

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Wortwolke zu An Gleminden, nach einem Ungewitter

Stilmittel

Metapher
Hervorzubringen Fruchtbarkeit
Personifikation
Du danktest einem Gott, der groß in Ungewittern
Vergleich
Als wenn in großen Menschenkriegen Zwei Heere langsam ziehn