An George Sand

Louise Franziska Aston

1848

O naht mit Lorbeerkränzen, naht mit Palmen! Der Freiheit Majestät ist neu erwacht; Ein Evangelium kam über Nacht, Herniederrauschend in Gewitterpsalmen; Und was vom alten Wahn umnachtet Nach Rettung und Erlösung schmachtet: Das eile zu des neuen Geistes Fahnen! Das streu ihm Blumen auf die Siegerbahnen!

Nicht Jeanne d′Arc mit Frankreichs Heldensöhnen Hat sich dem neuen, heil′gen Kampf geweiht; Nicht Königen, nicht Völkern gilt der Streit: Den freien Menschen gilt es jetzt zu krönen! Nicht winkt der Andacht Lebenssonne, Das Bild der himmlischen Madonne; Ein andres Bild wird schützend uns umschweben, Aus andern Zügen spricht ein andres Leben.

Mag jener Traum die Träumenden beglücken; Längst schwand dahin der Heil′gen Wundermacht. Es ziehn die Irdischen zur Freiheitsschlacht, Es gilt des Geistes machtvoll Schwert zu zücken! Empor, aus trauriger Betörung! Empor, in heiliger Empörung! Ein Heldenweib, mit flammenden Panieren, Wird euch zum Sieg, wird euch zur Freiheit führen!

Auf ihren Bannern glänzt im Morgenlichte Das freie Weib, das keinem fremden Wahn, Das nur dem eignen Geiste untertan, Dem Losungswort der neuen Weltgeschichte! Das freie Weib, es schmückt die Fahne! Von Sünden frei, weil frei vom Wahne, Dem Vater Wahn mit seiner Tochter Sünde, Dem blöden Vater mit dem blöden Kinde.

Doch all der Kampf, der in der Brust der Frauen So schmerzensreich, doch zukunftsvoll, sich regt, Der schon im Schoß ein schönres Leben trägt, Das wir nur ahnen, nur prophetisch schauen: - Du zaubertest sein mächtig Walten In lebenskräftige Gestalten! Den Kampf der Zeit in ihren echten Töchtern Vermachtest du den spätesten Geschlechtern!

Du heiligtest mein Sinnen und mein Trachten, Du gabst mir Mut in einsam herber Qual; Berührt von deines Geistes Zauberstrahl, Kann kühner ich der Menge Spott verachten: Mag sie vor goldnen Kälbern beten, Und frevelnd lästern die Propheten; Ich steh bei dir, verhüllt vor ihren Blicken, Auf freien Höh′n in heiligem Entzücken!

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Illustration zu An George Sand

Interpretation

Das Gedicht "An George Sand" von Louise Franziska Aston ist eine Hommage an die französische Schriftstellerin George Sand und ihr Wirken für die Freiheit und Emanzipation der Frauen. Aston vergleicht Sands Einfluss mit einem neuen Evangelium, das über Nacht gekommen ist und die Menschen zur Freiheit ruft. Sie betont, dass der Kampf nicht mehr für Könige oder Völker, sondern für freie Menschen gilt, die von einem neuen Geist beseelt sind. Das Gedicht hebt hervor, dass die alten Vorstellungen und religiösen Symbole durch neue, weltliche Ideale ersetzt werden, die von einem "freien Weib" verkörpert werden, das keinem fremden Wahn untertan ist. Aston beschreibt den inneren Kampf der Frauen, der zwar schmerzhaft, aber zukunftsvoll ist und ein besseres Leben hervorbringt. Sie lobt George Sand dafür, dass sie diesen Kampf in kraftvolle Gestalten verwandelt und ihn den kommenden Generationen überlässt. Das Gedicht vermittelt den Eindruck, dass Sands Werk und Leben eine Inspiration für Frauen sind, die sich gegen gesellschaftliche Normen und Erwartungen auflehnen. Aston selbst fühlt sich durch Sands Geist ermutigt, den Spott der Masse zu verachten und auf freien Höhen in heiliger Begeisterung zu stehen. Abschließend wird George Sand als eine Art Prophetin dargestellt, die den Mut und die Inspiration gibt, sich von den "goldnen Kälbern" und dem Lästern der Propheten abzuwenden. Aston positioniert sich selbst als Anhängerin Sands, die sich verhüllt vor den Blicken der Gesellschaft auf freien Höhen befindet. Das Gedicht ist eine leidenschaftliche und metaphorisch reiche Lobpreisung von George Sand und ihrem Beitrag zur Emanzipation der Frauen, die als ein neuer, heiliger Kampf dargestellt wird, der von einem "Heldenweib" angeführt wird.

Schlüsselwörter

wahn neuen geistes kampf gilt naht freiheit heil

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Stilmittel

Aufruf
Empor, in heiliger Empörung!
Bildsprache
Ein Evangelium kam über Nacht
Hyperbel
Herniederrauschend in Gewitterpsalmen
Metapher
Auf freien Höh′n in heiligem Entzücken
Personifikation
Der Freiheit Majestät ist neu erwacht
Vergleich
Nicht Jeanne d′Arc mit Frankreichs Heldensöhnen