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An Georg Herwegh

Von

Es scholl dein Lied mir in das Ohr
So schwertesscharf, so glockentönig,
Als wär′ aus seiner Gruft empor
Gewallt ein alter Dichterkönig.
Und doch! Ich weis′ es nicht von mir,
Ich muß dich in die Schranken laden;
Komm an in voller Harnischzier,
Auf Tod und Leben Kampf mit dir,
Kampf, du Poet von Gottes Gnaden!

Bist du dir selber klar bewußt,
Daß deine Lieder Aufruhr läuten;
Daß jeglicher nach seiner Brust
Das Ärgste mag aus ihnen deuten?
Der Zwerg, der matte Pfeile schnitzt,
Wohl, – schieß′ er, ohne fest zu zielen;
Doch wer vom Wetterlicht umblitzt
Im Donnerwagen grollend sitzt,
Der soll nicht mit den Zügeln spielen.

Fürwahr, ein Sämann schreitest du,
Der Samen streut, doch der Zerstörung;
Ein Glöckner, der aus ihrer Ruh′
Die Völker stürmt, doch zur Empörung.
Du willst die Flamme, die so rein
Und heilig strahlt durch alle Lande,
Du willst den warmen Gottesschein
Zur Fackel Herostrats entweihn
Und schwingst sie wild zum Tempelbrande.

Wozu sonst dieses Schwerterklirrn,
Die Kriege, die dein Lied gefodert,
Die hast′ge Glut, die durch dein Hirn
In tausend Funken prächtig lodert?
O nein! Das ist nicht deutsche Art!
Wohl kämpfen wir auch für das Neue;
Ums Freiheitsbanner dicht geschart,
So stehn auch wir; doch aufbewahrt
Aus alter Zeit blieb uns die Treue.

Verhaßt auch uns ist der Baschkir,
Der Unterjocher der Gedanken,
Und keinen Deut begehren wir
Von jenen übermüt′gen Franken.
Wir wollen auch, daß frei das Wort
Durch alle Lüfte möge fluten;
Es dünkt auch uns in Süd und Nord
Das Wort der beste Freiheitshort –
Doch soll darum dein Volk verbluten?

Nein! Glaub′, der Tag ist bald erwacht,
Der Morgen naht, wo wir′s erringen,
Nicht ohne Kampf, doch ohne Schlacht,
Der Geist ist stärker als die Klingen.
Geharnischt steht er auf dem Plan,
Er, der mit Luthern einst gefochten;
Durch tausend Lanzen bricht er Bahn,
Und mag die Hölle dräuend nahn:
Der Lorbeer bleibt ihm doch geflochten.

Drum tu dein Schwert an seinen Ort,
Wie Petrus tat, da er gesündigt;
Die Freiheit geht nicht auf aus Mord,
Blick nach Paris, das dir′s verkündigt.
Vom Geist will sie gewonnen sein;
Doch wer ihr Kleid, so rein und heiter
Mit blut′gem Makel mag entweihn,
Und säng′ er Engelsmelodein:
Der ist der Welt, nicht Gottes Streiter.

Ich sing′ um keines Königs Gunst,
Es herrscht kein Fürst, wo ich geboren;
Ein freier Priester freier Kunst,
Hab′ ich der Wahrheit nur geschworen.
Die werf′ ich keck dir ins Gesicht,
Keck in die Flammen deines Branders;
Und ob die Welt den Stab mir bricht:
In Gottes Hand ist das Gericht;
Gott helfe mir! – Ich kann nicht anders.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: An Georg Herwegh von Emanuel Geibel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An Georg Herwegh“ von Emanuel Geibel ist eine Auseinandersetzung mit dem radikalen politischen Dichter Georg Herwegh. Geibel drückt hier seine Kritik an Herweghs revolutionärem Impetus aus, den er als gefährlich und destruktiv empfindet, insbesondere im Kontext der politischen Umwälzungen im Vormärz. Das Gedicht ist eine förmliche, fast feindselige Auseinandersetzung, die in einer Reihe von bildhaften Vergleichen und rhetorischen Fragen die „Schwertesscharf“ klingenden Lieder Herweghs thematisiert und analysiert.

Geibel wirft Herwegh vor, mit seinen Gedichten einen Aufruhr auszulösen, der Zerstörung und Empörung nach sich zieht. Er vergleicht ihn mit einem Sämann, der Unkraut sät, und einem Glöckner, der die Völker in die Schlacht treibt. Dabei nutzt er starke Bilder wie „Flamme“, „Tempelbrand“ und „Schwerterklirrn“, um die potentiell gewalttätigen Auswirkungen von Herweghs Dichtung zu verdeutlichen. Geibel betont, dass er selbst die Freiheit befürwortet, aber nicht auf dem Weg der Gewalt und des Blutvergießens, wie es Herweghs Werke andeuten. Er vertritt die Ansicht, dass Freiheit durch den Geist, nicht durch Klingen erlangt werden muss.

Der Kontrast zwischen den beiden Dichtern wird durch die unterschiedliche Verwendung von Stilmitteln und Tonalität verstärkt. Herweghs Dichtung wird als „schwertesscharf“ und „glockentönig“ beschrieben, was auf eine kraftvolle und aufwieglerische Natur hindeutet. Geibels Sprache ist hingegen kontrollierter und reflektierter, mit einem stärkeren Fokus auf Moral und Verantwortung. Er plädiert für einen friedlicheren Weg zur Freiheit, inspiriert durch den „Geist“, der „stärker als die Klingen“ ist. Geibels Gedicht ist also nicht nur eine Kritik an Herweghs politischer Dichtung, sondern auch ein Plädoyer für eine gemäßigtere, auf geistigen Werten basierende Revolution.

Geibels Haltung wird besonders deutlich in den letzten Strophen. Er fordert Herwegh auf, sein „Schwert an seinen Ort“ zu legen und sich an dem Beispiel von Paris zu orientieren, das durch Gewalt nicht zur Freiheit gelangt ist. Er betont, dass wahre Freiheit durch den Geist gewonnen werden muss, und warnt davor, sie mit Blut zu beflecken. Geibel bekräftigt seine eigene Position als „freier Priester freier Kunst“, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt und Herwegh seine Kritik ins Gesicht wirft, wobei er auf göttliche Unterstützung hofft. Das Gedicht schließt mit einem Appell an das Gewissen und die Verantwortung des Dichters, eine Botschaft, die weit über die rein literarische Auseinandersetzung hinausgeht.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.