An Florinden

Benjamin Neukirch

1727

Florinde / soll ich dich ersuchen / Und hab ich nicht zu grob gespielt / So sage doch nur / ob dein fluchen Auff freundchafft oder feindschafft zielt? Sonst muß ich fort / sonst muß ich fliehn / Und dir aus deinen augen ziehn.

Ein griff wird dich ja nicht verdriessen / Greifft man doch wohl den käyser an; Du weist ja / daß aus griff und küssen Kein krancker leib entstehen kan: Denn was von aussen nur geschehn / Läßt keine grosse flecken sehn.

Ein feigenbaum ist auffgeschossen / Daß man ihn endlich brechen soll; Ein apffel / den kein mund genossen / Schmeckt auch nicht in den augen wohl / So quillt aus überdeckter brust / Auch keine rechte liebes-lust.

Drum laß den marmel deiner brüste Mir länger nicht verschlossen seyn; Nimm die begierden meiner lüste Zu deinen engen pforten ein / Und mache meine schwarze hand Mit deiner weissen haut bekandt.

Ich werffe meine liebes-flammen In deinen auffgeblehten schnee / Streich du nur alle krafft zusammen / Und kühle meines herzens weh / So lieb ich dich / so liebst du mich / So lieben wir uns inniglich.

Jedoch verzeihe mir / Florinde / Daß ich so frey mit dir gescherzt / Du fühlest nicht / was ich empfinde / Noch was mich in der seele schmerzt. Du siehst zwar meiner liebe wahn / Nicht aber meine kranckheit an.

Was fleisch ist / muß vom fleische leben / Ich bin kein engel oder geist; Drum wundre dich nicht / daß mich eben Ein trieb auff deine brüste reißt / Und dencke / wer du auch schon bist / Daß nichts umsonst gewachsen ist.

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Illustration zu An Florinden

Interpretation

Das Gedicht "An Florinde" von Benjamin Neukirch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für körperliche Liebe und Intimität. Der Sprecher richtet sich direkt an Florinde und bittet sie, ihre Ablehnung oder Gleichgültigkeit gegenüber seinen Annäherungsversuchen zu überdenken. Er stellt ihr die Frage, ob ihr "Fluchen" auf Freundschaft oder Feindschaft abzielt, was seine Unsicherheit und Verletzlichkeit in dieser Situation verdeutlicht. In den folgenden Strophen versucht der Sprecher, Florindes Widerstand zu brechen, indem er argumentiert, dass körperliche Berührungen wie Umarmungen und Küsse keine schädlichen Auswirkungen haben. Er vergleicht dies mit dem Angriff auf den Kaiser, der ungestraft bleibt, und betont, dass äußere Handlungen keine bleibenden Schäden verursachen. Der Sprecher verwendet auch Naturmetaphern, wie den Feigenbaum und den Apfel, um zu verdeutlichen, dass ungenutzte Potenziale vergeudet werden und dass wahre Liebe nur durch Offenheit und Hingabe gedeihen kann. Der Höhepunkt des Gedichts erreicht der Sprecher in seiner Aufforderung an Florinde, ihre Brüste für ihn zu öffnen und seine Begierden zu empfangen. Er beschreibt seine Liebe als eine Flamme, die in ihrem "aufgebleichten Schnee" entzündet wird, und bittet sie, ihre Kraft zu bündeln, um sein schmerzendes Herz zu kühlen. Der Sprecher versichert ihr, dass ihre Liebe auf Gegenseitigkeit beruhen wird und dass sie sich inniglich lieben werden. Abschließend entschuldigt sich der Sprecher für seine Freizügigkeit und betont, dass Florinde nicht verstehen kann, was er in seiner Seele empfindet oder wie sehr er leidet. Er argumentiert, dass Fleisch von Fleisch leben muss und dass er kein Engel oder Geist ist, sondern ein Mensch mit natürlichen Trieben. Der Sprecher fordert Florinde auf, nicht überrascht zu sein über seine Anziehungskraft auf ihre Brüste und erinnert sie daran, dass nichts umsonst gewachsen ist.

Schlüsselwörter

muß kein florinde soll auff sonst augen griff

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Stilmittel

Anapher
Sonst muß ich fort / sonst muß ich fliehn / Und dir aus deinen augen ziehn.
Bildsprache
Was fleisch ist / muß vom fleische leben / Ich bin kein engel oder geist;
Hyperbel
Ich werffe meine liebes-flammen / In deinen auffgeblehten schnee
Metapher
Ich werffe meine liebes-flammen / In deinen auffgeblehten schnee
Personifikation
Ich werffe meine liebes-flammen / In deinen auffgeblehten schnee / Streich du nur alle krafft zusammen / Und kühle meines herzens weh
Rhetorische Frage
Florinde / soll ich dich ersuchen / Und hab ich nicht zu grob gespielt / So sage doch nur / ob dein fluchen / Auff freundchafft oder feindschafft zielt?
Vergleich
Ein griff wird dich ja nicht verdriessen / Greifft man doch wohl den käyser an;