An Ernst Stadler

Ernst Wilhelm Lotz

1914

Ich grüße dich in der Ferne, ich begrüße deine weit spannende Nähe! Du, den ich nicht kenne. Aber ich sehe und erkenne hell deine ziehende Stimme Hin durch die Abendzonen meines frühen Grams:

Die braunen Länder, die von Wolken triefen, Sind noch vom Weilen meiner Füße jung, Von Wünschen schwebend noch, die leuchtend aus mir riefen, Neu wie das Meer, das sich dahinter weitet, Darüber noch von jüngster Fahrt beschwingte Dünung kreisend gleitet.

Meine Stimme, in deine Bezirke verschlagen, Ward ergriffen, begriffen von dir Und reif und gereinigt mir zugetragen.

In mancher Stunde verwitterter Nacht, Bevor ich wusste von deinem durchbluteten Wesen, Habe ich dich erdacht und lebendig gemacht Und deine Bruderverse mir vorgelesen.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An Ernst Stadler

Interpretation

Das Gedicht "An Ernst Stadler" von Ernst Wilhelm Lotz ist eine poetische Hommage an den gleichnamigen Dichter Ernst Stadler. Der Sprecher des Gedichts grüßt Stadler, obwohl er ihn nicht persönlich kennt. Er empfindet eine tiefe Verbindung zu Stadlers Werk und spürt dessen Stimme durch die "Abendzonen" seiner eigenen Trauer. Die "braunen Länder, die von Wolken triefen" symbolisieren möglicherweise die düsteren und melancholischen Landschaften, die sowohl im Leben des Sprechers als auch in Stadlers Dichtung eine Rolle spielen. Der Sprecher beschreibt, wie er durch Stadlers Werk inspiriert wurde und wie seine eigene Stimme von Stadlers Dichtung ergriffen und verstanden wurde. Er fühlt sich durch Stadlers Verse gereinigt und gereift. In den "Stunden verwitterter Nacht" hat der Sprecher Stadler erdacht und lebendig gemacht, bevor er überhaupt von dessen Existenz wusste. Er hat sich Stadlers "Bruderverse" vorgelesen und sich so eine tiefe Verbindung zu dem Dichter geschaffen. Das Gedicht vermittelt eine starke emotionale und geistige Verbundenheit zwischen dem Sprecher und Ernst Stadler, obwohl sie sich nie persönlich begegnet sind. Es zeigt die Macht der Poesie, Menschen über Raum und Zeit hinweg zu verbinden und zu inspirieren. Der Sprecher fühlt sich durch Stadlers Werk verstanden und angenommen, und er hat durch das Lesen und Erleben von Stadlers Dichtung einen Teil seiner eigenen Trauer und Melancholie überwunden.

Schlüsselwörter

stimme grüße ferne begrüße weit spannende nähe kenne

Wortwolke

Wortwolke zu An Ernst Stadler

Stilmittel

Alliteration
weit spannende Nähe
Bildsprache
deinem durchbluteten Wesen
Hyperbel
weit spannende Nähe
Metapher
mancher Stunde verwitterter Nacht
Personifikation
Meine Stimme, in deine Bezirke verschlagen