An Emilie
1802Zum Garten ging ich früh hinaus, Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde? Nach manchem Blümchen schaut ich aus, Ich wollt′s für dich zum Angebinde; Umsonst hatt ich mich hinbemüht, Vergebens war mein freudig Hoffen; Das Veilchen war schon abgeblüht, Von andern Blümchen keines offen.
Und trauernd späht ich her und hin, Da tönte zu mir leise, leise, Ein Flüstern aus der Zweige Grün, Gesang nach sel′ger Geister Weise; Und lieblich, wie des Morgens Licht Des Tales Nebelhüllen scheidet, Ein Röschen aus der Knospe bricht, Das seine Blätter schnell verbreitet.
»Du suchst ein Blümchen?« spricht′s zu mir, »So nimm mich hin mit meinen Zweigen, Bring mich zum Angebinde ihr, Ich bin der wahren Freude Zeichen. Ob auch mein Glanz vergänglich sei, Es treibt aus ihrem treuen Schoße Die Erde meine Knospen neu, Drum unvergänglich ist die Rose.
Und wie mein Leben ewig quillt Und Knosp um Knospe sich erschließet, Wenn mich die Sonne sanft und mild Mit ihrem Feuerkuß begrüßet, So deine Freundin ewig blüht, Beseelt vom Geiste ihrer Lieben, Denn ob der Rose Schmelz verglüht - Der Rose Leben ist geblieben.«
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Interpretation
Das Gedicht "An Emilie" von Wilhelm Hauff ist eine lyrische Erzählung, die die Suche des lyrischen Ichs nach einem Blumenstrauß für seine Geliebte Emilie beschreibt. Das Gedicht ist in vier Strophen gegliedert und zeichnet sich durch eine klare, bildhafte Sprache aus. In der ersten Strophe begibt sich der Sprecher in den Garten, um ein Sträußchen für Emilie zu finden. Doch seine Suche bleibt erfolglos, da das Veilchen bereits verblüht ist und keine anderen Blumen offen sind. Diese Strophe vermittelt ein Gefühl der Enttäuschung und Trauer. In der zweiten Strophe hört der Sprecher ein leises Flüstern aus den grünen Zweigen. Es ist ein Lied, das von himmlischen Geistern gesungen wird. Aus der Knospe bricht ein zartes Röschen hervor, das seine Blätter schnell entfaltet. Dieses Bild symbolisiert die Schönheit und Erneuerung der Natur. In der dritten Strophe spricht das Röschen zum Sprecher und bietet sich als Geschenk für Emilie an. Es betont, dass es ein Zeichen wahrer Freude ist und dass seine vergängliche Pracht durch die Erneuerung der Knospen aus dem Schoß der Erde ewig währt. Diese Strophe vermittelt eine Botschaft der Hoffnung und des Trostes. In der vierten Strophe vergleicht das Röschen sein eigenes Leben mit dem ewigen Blühen von Emilies Freundin. Es betont, dass die Rose, obwohl ihre Blütezeit vorüber ist, durch ihre Essenz und ihren Geist weiterlebt. Diese Strophe vermittelt eine Botschaft der Liebe und des ewigen Lebens. Insgesamt ist "An Emilie" ein Gedicht, das die Schönheit der Natur, die Vergänglichkeit des Lebens und die Kraft der Liebe thematisiert. Es vermittelt eine Botschaft der Hoffnung und des Trostes und lädt den Leser dazu ein, die kleinen Freuden des Lebens zu schätzen und die Liebe zu feiern.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gesang nach sel′ger Geister Weise
- Bildsprache
- Und wie mein Leben ewig quillt Und Knospe um Knospe sich ersließet
- Enjambement
- Und lieblich, wie des Morgens Licht Des Tales Nebelhüllen scheidet, Ein Röschen aus der Knospe bricht
- Hyperbel
- Und wie mein Leben ewig quillt Und Knospe um Knospe sich erschließet
- Metapher
- Das Veilchen war schon abgeblüht, Von andern Blümchen keines offen
- Personifikation
- Ein Flüstern aus der Zweige Grün, Gesang nach sel′ger Geister Weise
- Reimschema
- Das Gedicht folgt einem konsistenten Reimschema, z.B. 'finde' und 'Ende', 'Hoffen' und 'offen'
- Symbolik
- Ich bin der wahren Freude Zeichen
- Vergleich
- Und lieblich, wie des Morgens Licht Des Tales Nebelhüllen scheidet