An Elise

Annette von Droste-Hülshoff

1797

Du weißt es lange wohl, wie wert du mir, Was sollt′ ich es nicht froh und offen tragen, Ein Lieben, das so frischer Ranken Zier Um meinen kranken Lebensbaum geschlagen? Und manchen Abend hab′ ich nachgedacht, In leiser Stunde träumerischem Sinnen, Wie deinen Morgen, meine nah′nde Nacht Das Schicksal ließ aus Einer Urne rinnen.

Zu alt zur Zwillingsschwester möchte ich Mein Töchterchen dich nennen, meinen Sprossen, Mir ist, als ob mein fliehend Leben sich, Mein rinnend Blut in deine Brust ergossen. Wo flammt im Herzen mir ein Opferherd, Daß nicht der deine loderte daneben, Von gleichen Landes lieber Luft genährt, Von gleicher Freunde frommen Kreis umgeben?

Und heut, am Sankt Elisabethentag, Vereinend uns mit gleichen Namens Banden, Schlug ich bedächtig im Kalender nach, Welch′ Heilige am Taufborn uns gestanden; Da fand ich eine königliche Frau, Die ihre milde Segenshand gebreitet, Und eine Patriarchin, ernst und grau, Nur wert um den, des Wege sie bereitet.

Fast war es mir, als ob dies Doppelbild Mit strengem Mahnen strebe uns zu trennen, Als wollt′ es dir die Fürstin zart und mild, Mir nur die ernste Hüterin vergönnen; Doch — lächle nicht — ich hab′ mich abgekehrt, Bin fast verschämt zur Seite dir getreten; Nun wähle, Lieb, und die du dir beschert, Zu der will ich, als meiner Heil′gen beten.

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Illustration zu An Elise

Interpretation

Das Gedicht "An Elise" von Annette von Droste-Hülshoff ist ein tief empfundenes Liebesgedicht, das die intensive Verbundenheit zwischen der Sprecherin und Elise zum Ausdruck bringt. Die Dichterin vergleicht ihre Liebe mit einem frischen Rankengewächs, das sich um ihren "kranken Lebensbaum" geschlungen hat, was auf eine tiefe emotionale und möglicherweise auch physische Abhängigkeit hindeutet. Die Vorstellung, dass ihr Schicksal aus derselben Urne geschöpft wurde, unterstreicht die enge Verbundenheit und das gemeinsame Schicksal beider Personen. Die Sprecherin sieht in Elise eine Art Tochter oder Zwillingsschwester, was auf eine tiefe, fast familiäre Liebe hindeutet. Sie fühlt, dass ihr eigenes Leben und Blut in Elise aufgegangen sind, was die Intensität ihrer Gefühle unterstreicht. Die Gleichheit ihrer Herzen und die ähnliche Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, betonen die tiefe Verbundenheit und das gegenseitige Verständnis zwischen den beiden Frauen. Am Sankt Elisabethentag, dem Namenstag von Elise, sucht die Sprecherin nach Heiligen, die sie beide inspirieren könnten. Sie findet eine königliche Frau, die für ihre Mildtätigkeit bekannt ist, und eine ernste Patriarchin, die den Weg für andere bereitet. Die Sprecherin fühlt sich zunächst von diesen Bildern getrennt, da sie sich selbst eher mit der ernsten Hüterin identifiziert. Doch am Ende des Gedichts überlässt sie Elise die Wahl, welcher Heiligen sie sich zuwenden möchte, und verspricht, zur gewählten Heiligen zu beten. Dies zeigt die tiefe Achtung und das Vertrauen der Sprecherin in Elise und ihre Bereitschaft, sich ihr unterzuordnen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Und heut, am Sankt Elisabethentag, Vereinend uns mit gleichen Namens Banden
Bildsprache
Da fand ich eine königliche Frau, Die ihre milde Segenshand gebreitet, Und eine Patriarchin, ernst und grau, Nur wert um den, des Wege sie bereitet
Metapher
Fast war es mir, als ob dies Doppelbild Mit strengem Mahnen strebe uns zu trennen
Parallelismus
Von gleichen Landes lieber Luft genährt, Von gleicher Freunde frommen Kreis umgeben
Personifikation
Wie deinen Morgen, meine nah'dne Nacht Das Schicksal ließ aus Einer Urne rinnen
Vergleich
Zu alt zur Zwillingsschwester möchte ich Mein Töchterchen dich nennen