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An einige große Häuser

Von

Der Croupier war euch recht, weil er ein Pompier war;
Doch hattet ihr bereits bis in das dritte Jahr
Den Brand zu Haus gelöscht und wahrlich nur zu sehr!
Ihr brauchtet ja den Pompier nicht mehr.

Freilich der Edle sprach so ein gemüthlich Wort:
»Fried‘ ist das Kaiserreich! Regiert nur ruhig fort!« –
Man grüßet, man besucht, man küßt, umarmet sich,
Zum Bruder wird der Bruder Liederlich.

Da greift er aus und holt aus dem Verehrer-Chor
Des Nordens Bären sich, den Lässigsten, hervor –
Er war es, der zuletzt ihn zu begrüßen kam –;
Er haut und trifft und legt ihn wirklich lahm.

»Auch recht! Von alter Furcht sind wir befreit; nur zu!
Die Bärentatze ab! So hat man bessre Ruh‘!« –
Jetzt wird man erst recht fett und manches stolze Haus
Sitzt mit dem Parvenu bei Wein und Schmaus.

Da kommt ein Tag, da spricht zu Oesterreich der Schelm:
»Wart‘, du bemoostes Haupt! Ich rüttle dir den Helm!«
Mit Wälschland schlägt er los für Völkerrecht und Wohl,
Klopft an den Götzen: horch! und er war hohl.

Der Götze, halbzerklopft – o, der versöhnt sich, o
Gibt her den Vetter für den Thron von Mexiko,
Senkt den Gemordeten still in die Kaisergruft
Und bleibt gut Freund mit dem Theaterschuft.

Da stürzet Preußen her! – »Jetzt komm zu Hülfe, jetzt!
Den Wälschen hat es gar mir an die Ferse gehetzt,
Nur schnell!« Venedig gibt man in die Hand des Wichts;
Er nimmt’s und schenkt’s dem Wälschen und thut Nichts.

Hernach kommt eine Zeit: auf seinem eignen Sitz
Wird es ihm durmelich; er denkt: je nun, beim Blitz!
Auf Preußen hau‘ ich jetzt und den Nordbund hinein,
Es wird wohl auch ein hohler Götze sein.

Er läßt sich hetzen, hetzt und spielt Komödie so gut,
Daß der Franzose ruft: wir opfern unser Blut,
Daß wir den Croupier und Lulu, seinen Sohn,
Noch fürderhin besitzen auf dem Thron!

Er bricht den Krieg vom Zaun; jedoch ein Strafgericht
War es für Preußen auch; es hatte mit dem Wicht,
Eh‘ es auf Oestreich schlug, gewisse Munkelei’n,
Daß er zum Siegespreis nicht sage nein.

Ein Glück nur, daß es nicht ein hohler Götze war!
Und, was noch hübscher ist, wie er mit seiner Schaar
Behaglich übern Rhein so will spazieren geh’n,
Sieht er, o weh! ganz Deutschland vor sich steh’n.

Der Michel hebt die Faust und treibt mit frohem Muth
Ihm in die Fratze tief den gerapsten Kaiserhut,
Und es erhellt zum Schluß der ganzen Mummerei,
Daß er der hohle Götze selber sei.

Nun aber guckt zurück, schaut euch noch einmal umb!
Warum bedurft‘ es denn mit diesem Kaiserthumb
Des Umstands gar so viel? Ihr war’t berathen tumb!
Von Anfang war’s doch klar: er ist ein Lump.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: An einige große Häuser von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „An einige große Häuser“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine satirische Abrechnung mit der Politik der europäischen Mächte im 19. Jahrhundert, insbesondere mit der Politik Preußens und Österreichs sowie der Figur Napoleons III. Es ist gekennzeichnet durch eine bittere Ironie und eine kluge Beobachtung der politischen Entwicklungen, die den Weg in den Deutsch-Französischen Krieg und die Gründung des Deutschen Kaiserreichs ebneten. Vischer kritisiert die opportunistische Haltung der Herrscher und ihre mangelnde moralische Grundlage.

Das Gedicht beginnt mit einem Seitenhieb auf die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen politischen Akteuren, insbesondere auf die kurzlebige Verständigung nach dem Brand des Kaiserreiches. Die Metapher des „Croupiers“, der in der ersten Strophe auftaucht, steht stellvertretend für den französischen Kaiser, Napoleon III., der zunächst als Retter gesehen wurde, dann aber durch seine Politik nur weitere Konflikte anheizte. Die folgenden Strophen skizzieren die politischen Intrigen und das kurzsichtige Agieren der einzelnen Mächte, insbesondere Preußens, das im Laufe des Gedichts seine wankelmütige Haltung und seinen Eigennutz offenbart. Die Zusammenarbeit und anschließende Auseinandersetzung mit anderen Mächten wie Österreich, Italien und Frankreich werden als ein Komödienhaftes Spiel dargestellt.

Die Sprache des Gedichts ist reich an ironischen Wendungen und satirischen Überzeichnungen. Vischer verwendet eine bildhafte Sprache und deutliche Metaphern, um die politische Situation zu veranschaulichen. So wird beispielsweise der „Michel“ als Symbol für das deutsche Volk eingesetzt, der am Ende die Maske des Kaisers herunterreißt und ihn als „hohlen Götzen“ entlarvt. Die Verwendung von Wörtern wie „Schelm“, „Wicht“ und „Lump“ unterstreicht die kritische Haltung des Autors gegenüber den handelnden Personen und ihren politischen Manövern. Durch die Zuspitzung der Ereignisse wird der Eindruck einer Farce erweckt, die gleichzeitig die Tragik der politischen Entwicklungen hervorhebt.

Die Kernaussage des Gedichts ist die Entlarvung der Heuchelei und des Machtstrebens der politischen Eliten. Vischer zeigt, wie kurzsichtig und egoistisch die Entscheidungen der Herrscher waren, die letztlich zu Krieg und Leid führten. Die Ironie und die satirischen Elemente dienen dazu, die Leser zum Nachdenken anzuregen und die Ereignisse mit kritischem Abstand zu betrachten. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass der Kaiser, der zunächst als Retter erschien, letztendlich eine hohle Figur war.

Insgesamt ist „An einige große Häuser“ ein bedeutendes Zeitdokument, das die politischen Verhältnisse im 19. Jahrhundert kritisch beleuchtet. Vischer gelingt es, die komplexen politischen Zusammenhänge auf humorvolle und zugängliche Weise darzustellen und gleichzeitig eine klare Botschaft der Kritik an den Mächtigen zu vermitteln. Das Gedicht ist ein Appell an das mündige Bürgertum und eine Mahnung vor der zerstörerischen Kraft des Machthungers.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.