An einen Unbekannten

Gabriele von Baumberg

unknown

Wer du auch seyst, der itzt durch Schmeicheltöne In stiller Nacht sein schlummernd Mädchen grüsst: Du siehst sie nicht die heiss geweinte Thräne, Die, ungesehen, mir vom Auge fliesst.

Wer weiss, ob dir von deines Mädchens Wangen Ein gleicher Beyfall strömt? – O glücklich, fühlt Die Arme nicht ihr redlich Herz von bangen Empfindungen verkannter Treu durchwühlt!

Denn jedes deiner Instrumente schallet Nur Liebe zu des Mädchens Ohren hin, Und von der Lippe des Geliebten hallet Ihr nie der schnöde Nahme – Heuchlerinn!

Mir tönt er nur – so laut! – dass er das Schöne Von deinen Symphonien übertäubt; Und mir vielleicht, auch wenn ich mich versöhne, Auch dann noch ewig unvergesslich bleibt.

Doch dank’ ich dir, und deinen Saitenspielen, Dass nun besänftigter das Herz mir schlägt, Und, wenn auch rasch, mit zärtlichen Gefühlen, Gleich deinen Harmonien, sich verträgt.

Denn käm’ er itzt, - Er, der mich heut beleidigt, Mit halber Reue nur, von ohngefähr: Ich glaub’, ich küsst’ ihn, eh’ er sich vertheidigt, Und eh’ ihm noch von mir vergeben wär'.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An einen Unbekannten

Interpretation

Das Gedicht "An einen Unbekannten" von Gabriele von Baumberg beschreibt die emotionale Zerrissenheit einer Frau, die in der Nacht von einem Unbekannten mit schmeichelnden Tönen angesprochen wird. Die lyrische Ich-Erzählerin ist innerlich aufgewühlt, weint heimlich und fragt sich, ob das Mädchen des Unbekannten ähnlich behandelt wird. Sie empfindet Mitleid für sich selbst, da ihr ehrliches Herz von bangen Empfindungen wegen verlorener Treue geplagt wird. Die Erzählerin reflektiert über die Worte des Unbekannten, die nur Liebe zu dem Mädchen verkünden, während sie selbst von dem Wort "Heuchlerin" gestört wird. Dieses Wort übertönt für sie die Schönheit der Musik und bleibt ihr unvergesslich, selbst wenn sie sich mit dem Unbekannten versöhnen würde. Trotzdem dankt sie ihm und seiner Musik, dass ihr Herz nun ruhiger schlägt und sich mit zärtlichen Gefühlen, ähnlich den Harmonien, verträgt. Im letzten Teil des Gedichts stellt sich die Erzählerin vor, wie sie reagieren würde, wenn derjenige, der sie heute beleidigt hat, mit halber Reue zu ihr käme. Sie glaubt, dass sie ihn küssen würde, bevor er sich verteidigen oder bevor ihr seine Vergebung gelte. Dies zeigt ihre tiefe emotionale Verwirrung und die Sehnsucht nach Versöhnung, trotz der erlittenen Kränkung.

Schlüsselwörter

itzt mädchens herz seyst schmeicheltöne stiller nacht schlummernd

Wortwolke

Wortwolke zu An einen Unbekannten

Stilmittel

Anapher
Wer du auch seyst, der itzt durch Schmeicheltöne / In stiller Nacht sein schlummernd Mädchen grüsst: / Du siehst sie nicht die heiss geweinte Thräne, / Die, ungesehen, mir vom Auge fliesst.
Enjambement
Und von der Lippe des Geliebten hallet / Ihr nie der schnöde Nahme – Heuchlerinn!
Hyperbel
Mir tönt er nur – so laut! – dass er das Schöne / Von deinen Symphonien übertäubt;
Kontrast
Und mir vielleicht, auch wenn ich mich versöhne, / Auch dann noch ewig unvergesslich bleibt.
Metapher
Und von der Lippe des Geliebten hallet / Ihr nie der schnöde Nahme – Heuchlerinn!
Personifikation
Denn jedes deiner Instrumente schallet / Nur Liebe zu des Mädchens Ohren hin,
Rhetorische Frage
Wer weiss, ob dir von deines Mädchens Wangen / Ein gleicher Beyfall strömt? – O glücklich, fühlt
Vergleich
Und, wenn auch rasch, mit zärtlichen Gefühlen, / Gleich deinen Harmonien, sich verträgt.