An einen Moralisten

Friedrich von Schiller

1776

Was zürnst Du unsrer frohen Jungendweise, Und lehrst, dass Lieben Tändeln sei? Du starrest in des Winters Eise, Und schmählest auf den goldnen Mai.

Einst, als Du noch das Nymphenvolk bekriegtest, Ein Held des Karnevals, den deutschen Wirbel flogst, Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest, Und Nektarduft von Mädchenlippen sogst,

Ha, Seladon! Wenn damals aus den Achsen Gewichen wär′ der Erde schwerer Ball - Im Liebesknäul mit Julien verwachsen. Du hättest überhört den Fall!

O denk′ zurück nach Deinen Rosentagen Und lerne: Die Philosophie Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen; Zu Göttern schaffst Du Menschen nie.

Wohl, wenn ins Eis des klügelnden Verstandes Das warme Blut ein bisschen muntrer springt, Lass den Bewohnern eines bessern Landes, Was nie dem Sterblichen gelingt.

Zwingt doch der irdische Gefährte Den gottgebornen Geist in Kerkermauern ein, Er wehrt mir, dass ich Engel werde, Ich will ihm folgen, Mensch zu sein.

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Illustration zu An einen Moralisten

Interpretation

Das Gedicht "An einen Moralisten" von Friedrich von Schiller richtet sich gegen einen moralischen Verurteiler, der die fröhliche Jugendweise tadelnd beobachtet. Der Sprecher wirft dem Moralisten vor, in seiner strengen, winterlichen Einstellung den Wert des Liebens und der Freude zu verneinen. Er erinnert den Moralisten an seine eigenen vergangenen Tage voller Liebe und Vergnügen und fordert ihn auf, sich an seine eigenen "Rosentage" zu erinnern und zu erkennen, dass die Philosophie und die menschlichen Gefühle sich wandeln, wie die Jahreszeiten. Der Sprecher fordert den Moralisten auf, seine eigene Vergangenheit zu reflektieren und zu erkennen, dass er selbst einst ein Held des Karnevals war, der in den Armen zweier Liebhaber ein Himmelreich fand und den Nektar der Liebe genoss. Er weist darauf hin, dass der Moralisten, wenn er damals nicht so streng gewesen wäre, wie er es heute ist, vielleicht eine andere Perspektive auf das Leben und die Liebe hätte. Der Sprecher betont, dass die menschliche Natur und die Gefühle sich ändern und dass es unmöglich ist, aus Menschen Götter zu machen. In den letzten Strophen des Gedichts fordert der Sprecher den Moralisten auf, die irdischen Gefühle und den menschlichen Geist nicht zu unterdrücken, sondern ihnen zu erlauben, sich frei zu entfalten. Er betont, dass der irdische Begleiter den göttlichen Geist in enge Grenzen zwingt und dass er selbst lieber ein Mensch sein möchte, als ein Engel zu werden, der die menschlichen Gefühle verleugnet. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, die menschliche Natur und die irdischen Gefühle zu akzeptieren und zu umarmen, anstatt sie zu verurteilen.

Schlüsselwörter

nie zürnst unsrer frohen jungendweise lehrst lieben tändeln

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Stilmittel

Alliteration
Nektarduft von Mädchenlippen sogst
Anapher
Und lehrst, dass Lieben Tändeln sei? Und schmählest auf den goldnen Mai
Hyperbel
Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest
Ironie
Du starrest in des Winters Eise, Und schmählest auf den goldnen Mai
Kontrast
Du starrest in des Winters Eise, Und schmählest auf den goldnen Mai
Metapher
Er wehrt mir, dass ich Engel werde
Personifikation
Der irdische Gefährte Zwingt doch den gottgebornen Geist in Kerkermauern ein