An einen Mißvergnügten

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

1643

Ach! was benebelt doch die Kräfte deiner Sinnen? Wirst du bei Sonnenschein Nichts mehr erkiesen können? Kennst du dich selber nicht? Dich hungert bei der Kost, dich dürstet bei den Flüssen, Du wirst zu Eis und Schnee beim Feuer werden müssen, Du klagst bei Ueberfluß, daß Alles dir gebricht.

Was marterst du dich selbst mit dürftigen Gedanken, Drängst bei gesunder Haut dich in die Reih′ der Kranken Und seufzest bei der Lust? Wer sich am Herzen nagt, der speiset allzutheuer. Ach, mache dich nicht selbst zu einem Ungeheuer, Das sich die Nägel schärft, zu schaden seiner Brust!

Will denn der Liebesbaum stets Argwohnsfrüchte tragen? Soll denn sein Schatten uns die beste Lust verjagen Und bringen Ach und Weh? Man weint oft ohne Noth und zweifelt ohne Gründe, Plagt seiner Sinne Schiff mit ungestümem Winde Und stürzt sich ohne Sturm tief in die Trauersee.

Die Rosen blühen dir; was willst du Nesseln hegen, Und Disteln, reich an Angst, zu Lustnarcissen legen? Was Uebels stößt dich an? Bemüh′ dich, deinen Geist in süße Ruh′ zu setzen, Und reiß′ dich mit Gewalt aus Schmerz und Trauernetzen! Dem schadet nicht Verzug, wer Zeit erwarten kann.

Wen blinder Eifer wiegt, der träumt von Ungelücke, Ruft, frei und ungelähmt, nach Rettung und nach Krücke, Meint stets auf Eis zu stehn. Erwach′ und streich dir doch die Schuppen vom Gesichte! Kein Kluger macht sich selbst durch Wahn und Dunst zu nichte. Was säumest du doch, selbst in′s Paradies zu gehn?

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Illustration zu An einen Mißvergnügten

Interpretation

Das Gedicht "An einen Mißvergnügten" von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau ist eine eindringliche Ermahnung an einen unzufriedenen Menschen. Der Autor wirft dem Adressaten vor, dass er sich selbst durch seine pessimistische Sichtweise das Leben schwer macht. Er kritisiert dessen Unfähigkeit, die positiven Aspekte des Lebens zu erkennen und zu schätzen, und stellt fest, dass der Betroffene selbst für sein Unglück verantwortlich ist. Hoffmannswaldau verwendet starke Bilder und Metaphern, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. So vergleicht er den unzufriedenen Menschen mit einem "Ungeheuer", das sich selbst schadet, und beschreibt dessen Gedanken als "dürftig". Er appelliert an den Adressaten, seinen Geist in "süße Ruh'" zu versetzen und sich aus dem "Schmerz und Trauernetzen" zu befreien. Der Autor betont, dass der Betroffene selbst die Wahl hat, ob er in seiner Unzufriedenheit verharrt oder den Weg ins "Paradies" einschlägt. Das Gedicht ist eine zeitlose Mahnung zur Selbstreflexion und zur positiven Lebensgestaltung. Hoffmannswaldau ermutigt den Leser, die Schönheit des Lebens zu erkennen und zu genießen, anstatt sich in Selbstmitleid und Pessimismus zu verlieren. Er verdeutlicht, dass es in der Hand jedes Einzelnen liegt, sein Leben zu verändern und glücklich zu werden.

Schlüsselwörter

selbst wirst eis lust stets benebelt kräfte sinnen

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Bei gesunder Haut dich in die Reih' der Kranken
Metapher
Ins Paradies zu gehn
Personifikation
Liebesbaum trägt Argwohnsfrüchte