An einen Kunstrichter

August Wilhelm von Schlegel

1832

Ward Kraft und Genius dir angeboren, Und modelst doch an dir mit feiger Qual? Aus deinem Innern nimm dein Ideal, Sonst geht dein Selbst an einen Traum verloren. Den Geist des Dichters adelt die Natur. Bist du′s, so hemme nichts, was in dir wogt und lodert; Stell′s dar, und wandle kühn auch außer Bahn und Spur. Doch wenn die Kunst Vollendung fodert, So gieb sie auf: die ziemt den Göttern nur. Natur ist Eins und Alles. Du erkennest Die Himmlische nur träumend; darum wähnt Dein grübelnder Verstand, daß du ihr Werk verschönt Im Werke deines Hirnes spiegeln könnest. Durchforsch′ in stiller Einfalt dieses All; Durchforsche, meistre nicht, und faß in deinen Busen Der Dinge reines Bild. Die göttlichste der Musen Ist Wahrheit: ohne sie ist dein Gedicht nur Schall. Die Rede gab uns eine weise Güte Zum Band der Liebe; Mittheilung im Schmerz, Und Mittheilung in Freude heischt das Herz, Und holde Poesie ist Duft der Red′ und Blüthe. Wer tiefes, eignes Leben in sich trägt, Der athm′ es aus, und frage keinen Richter, Und wiße dann, er sei′s, nicht der sei Dichter, Des weiser Kopf Gefühle mißt und wägt.

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Illustration zu An einen Kunstrichter

Interpretation

Das Gedicht "An einen Kunstrichter" von August Wilhelm von Schlegel ist eine eindringliche Mahnung an den Künstler, seine innere Kraft und sein Genie nicht zu vergeuden. Schlegel fordert den Künstler auf, sein Ideal aus seinem Inneren zu schöpfen und sich nicht von äußeren Einflüssen oder der Angst vor Kritik beeinflussen zu lassen. Er betont die Bedeutung der Natur als Quelle der Inspiration und warnt davor, die Vollendung der Kunst zu überbewerten, da sie allein den Göttern vorbehalten sei. Schlegel unterstreicht die Einheit von Natur und Kunst und mahnt den Künstler, die himmlische Wahrheit zu erkennen und zu verkörpern. Er betont die Bedeutung von Einfachheit und Reinheit in der Kunst und warnt vor übermäßiger Analyse und Manipulation. Die Wahrheit wird als die göttlichste aller Musen dargestellt, ohne die das Gedicht nur leere Worte wären. Abschließend betont Schlegel die Bedeutung von Kommunikation und Mitteilung in der Kunst. Er ermutigt den Künstler, sein tiefes, eigenes Leben auszudrücken und sich nicht von den Urteilen anderer beeinflussen zu lassen. Ein wahrer Dichter ist demnach jemand, der seine Gefühle frei und ungefiltert ausdrückt, ohne sich von äußeren Maßstäben leiten zu lassen.

Schlüsselwörter

natur mittheilung ward kraft genius angeboren modelst feiger

Wortwolke

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Stilmittel

Imperativ
Wer tiefes, eignes Leben in sich trägt, Der athm' es aus
Metapher
er sei's, nicht der sei Dichter, Des weiser Kopf Gefühle mißt und wägt
Rhetorische Frage
frage keinen Richter