An einen Künstler

Betty Paoli

1814

Wie dauern mich die Armen, die da meinen, In Lieb′ und Treue sich dir zu vereinen, Mit dir zu schließen einen heitern Bund! Sie ahnen nicht, in ihren Traum verloren, Den Gott, der dich zum Werkzeug auserkoren; Dein wahrhaft Sein, nie ward es ihnen kund.

Voll freud′gen Hoffens treten sie dir näher, – Sie wissen nicht, daß, streng wie ein Essäer, Dein Herz die ird′schen Bande von sich warf! Daß, ob sich tausend Freunde um dich schaarten, Auf deinen Himmel-, deinen Höllenfahrten Kein Sohn des Staubes dich begleiten darf.

Es mag dein Ohr dem Schwur der Liebe lauschen Dein Aug′ am Glanz der Schönheit sich berauschen, Doch fügt sich nicht dem süßen Bann dein Geist! Zurück dich führend von der Freuden Pforte, Mahnt er gebieth′risch dich mit ernstem Worte, Daß keines Menschen, daß du Gottes seist!

Und von dem Erdenglück, dem wonneheißen, Giebt dir dieß Wort die Kraft, dich loszureißen. Taub für des fremden Jammers wilden Schrei, Nur d′rauf bedacht, den innern Hort zu retten, Ringst du dich los und sprengst der Liebe Ketten, Was sonst auch breche: du bist wieder frei!

Den kurzen Traum siehst lächelnd du entschweben. Du fühlest dich dir selbst zurückgegeben, Was gilt daneben dir der arme Rest? Des Zieles eingedenk, des ewig′ hehren, Was kümmert dich die Spur von Blut und Zähren, Die hinter sich dein Siegeswagen läßt?

Als schuldig dich darum verdammen wollen, Es hieße thöricht dem Kometen grollen, Daß regellos die Bahn, die er beschreibt! Dem Löwen grollen, daß er nicht Gazelle, Dem Ocean, daß salzig seine Welle, Dem Lorbeerbaum, daß er nicht Früchte treibt! –

Ob dich die Menschen kalt und herzlos nennen, Viel tief′re Liebe als sie ahnen können, Aus deinem Schaffen flammt sie himmelwärts. Du fühltest ihren Stral in dir erzittern, Und, statt an Irdisches es zu zersplittern, Gabst du dem Ideal dein ganzes Herz. –

O bleibe du dem Pfad der Manschen ferne, Unnahbar ihrem Wunsche, der die Sterne Vom Himmelsdom herabzulangen meint! Nicht andre Freunde hat dir Gott beschieden, Als die in der Erkenntniß sel′gem Frieden Ein Glaube und ein Dienst mit dir vereint!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An einen Künstler

Interpretation

Das Gedicht "An einen Künstler" von Betty Paoli ist eine tiefgründige Betrachtung über die Natur des künstlerischen Schaffens und die damit verbundene Isolation. Paoli stellt den Künstler als eine von Gott auserwählte Figur dar, die von den gewöhnlichen Menschen nicht verstanden wird. Die Armen und Liebenden, die sich dem Künstler nähern, ahnen nicht, dass er ein Werkzeug Gottes ist, dessen wahres Sein ihnen unbekannt bleibt. Der Künstler wird als jemand dargestellt, der sich von irdischen Banden gelöst hat und auf seinen himmlischen und höllischen Reisen keinen Begleiter aus Fleisch und Blut duldet. Die zweite Strophe verdeutlicht die Unabhängigkeit des Künstlers von menschlichen Banden und Gefühlen. Obwohl er die Schwüre der Liebe hört und den Glanz der Schönheit sieht, bleibt sein Geist ungebunden. Ein ernster Ruf mahnt ihn, sich daran zu erinnern, dass er nicht den Menschen, sondern Gott gehört. Diese Erkenntnis gibt ihm die Kraft, sich von irdischem Glück zu lösen und sich auf sein inneres Heiligtum zu konzentrieren. Die Liebe wird als Kette dargestellt, die er sprengt, um frei zu sein, unabhängig davon, was sonst auch brechen mag. In der dritten Strophe reflektiert Paoli über die Konsequenzen des künstlerischen Weges. Der Künstler sieht den kurzen Traum des irdischen Glücks lächelnd entschweben und fühlt sich sich selbst zurückgegeben. Das Ziel, das er im Auge hat, ist ewig und erhaben, und was kümmert ihn der Blut und Tränenpfad, den sein Siegeswagen hinterlässt. Paoli vergleicht die Verurteilung des Künstlers wegen seiner scheinbaren Kälte mit törichtem Grollen gegen natürliche Phänomene wie den Kometen, den Löwen, den Ozean oder den Lorbeerbaum. Die tiefe Liebe des Künstlers, die in seinem Schaffen zum Ausdruck kommt, ist weit größer als die Menschen ahnen können. Sie richtet sich auf das Ideale und nicht auf das Irdische. Die abschließende Strophe ist eine Aufforderung an den Künstler, dem Pfad der Menschen fernzubleiben und unnahbar für ihre Wünsche zu bleiben. Gott hat ihm keine anderen Freunde als die, die mit ihm in der Erkenntnis seligen Friedens einen Glauben und einen Dienst teilen. Paoli betont die Einzigartigkeit und die Notwendigkeit der Isolation des Künstlers, um sein göttliches Werk zu vollbringen.

Schlüsselwörter

liebe ahnen traum gott herz freunde menschen grollen

Wortwolke

Wortwolke zu An einen Künstler

Stilmittel

Hyperbel
Daß, ob sich tausend Freunde um dich schaarten
Metapher
Ein Glaube und ein Dienst mit dir vereint
Personifikation
Dein wahrhaft Sein, nie ward es ihnen kund
Vergleich
Dem Lorbeerbaum, daß er nicht Früchte treibt