An einen Ingenieur, Liebhaber der Phyllis

Anna Louisa Karsch

1792

Du kennst den Grund der Festungswerke. Mit einem Blicke messest du Der Schanzen und der Mauern Stärke; Doch meine Muse ruft dir zu: So wahr, als Friedrich unvergessen Bewundert wird in später Zeit, So wahr ist dies Unmöglichkeit Des Herzens Tiefen auszumessen. Sei klug, bedenke dich so schlau Wie einst Ulysses ist gewesen, Nie wirst du der verschmitzten Frau Verborgenste Gedanken lesen. Sie decket ihre feinste List Mit Blumen zu, bis du gefangen Gleich einem Dohnenvogel bist. Sie schmachtet, seufzt, netzt ihre Wangen Mit Thränen, die sie künftig weint. Sie nennt dich oft in einer Stunde Wohl tausendmal den besten Freund, Und schwört mit schmeichlerischem Munde Beim Grabmal ihres Vaters, bei Den Sternen und bei allen Göttern, Bei Sonnenschein und Donnerwettern, Daß ihr dein Kuß noch süßer sei, Als Süßigkeit von jungen Bienen; Und zaubert dich mit holden Mienen An ihre giftbestrichne Brust Und nennt dich ihre größte Lust, Den ersten Abgott ihrer Seele, Den reichsten Jüngling von der Welt, Den Menschen, der in einer Höhle Mehr ihren Augen wohlgefällt, Als Prinzen, die so fein nicht fühlen Im Prunksaal und auf goldnen Stühlen Und einer sammtbezognen Bank. Sie stellt sich gar vor Liebe krank, Und redet nur gebrochne Töne. O sanfter Jüngling, glaub es nicht: Es ist die Stimme der Syrene, Die ausstudirte Worte spricht.

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Illustration zu An einen Ingenieur, Liebhaber der Phyllis

Interpretation

Das Gedicht "An einen Ingenieur, Liebhaber der Phyllis" von Anna Louisa Karsch thematisiert die Unmöglichkeit, die Tiefen des weiblichen Herzens zu durchschauen. Der Ingenieur, der gewohnt ist, mit seinem fachlichen Wissen Festungen und deren Stärken zu analysieren, wird hier vor die Herausforderung gestellt, die Komplexität der Liebe und der weiblichen Psyche zu begreifen. Die Muse warnt ihn davor, dass selbst die schlauesten Strategien, wie die des Odysseus, nicht ausreichen, um die verborgensten Gedanken einer Frau zu entschlüsseln. Die Dichterin beschreibt die Frau als eine, die ihre Listen mit Blumen verdeckt und den Ingenieur wie einen gefangenen Dohnenvogel in ihre Fänge lockt. Sie nutzt ihre weiblichen Reize, um ihn zu täuschen: Sie heuchelt Krankheit, spricht gebrochene Töne und benutzt schmeichelnde Worte, um ihn zu umgarnen. Die Frau schwört bei allem, was ihr heilig ist, und verspricht ihm süße Küsse, um ihn an ihre "giftbestrichene Brust" zu locken. Sie stellt sich als seine größte Lust und als die reichste Jungfrau der Welt dar, um ihn zu blenden und von ihrer wahren Natur abzulenken. Karsch vergleicht die Frau mit einer Sirene, die ihre Worte einstudiert hat, um den Ingenieur in die Irre zu führen. Die Warnung der Muse ist deutlich: Der Ingenieur soll sich nicht von den scheinbar liebevollen Gesten und Worten der Frau täuschen lassen. Die wahre Natur der Frau bleibt verborgen, und ihre scheinbare Zuneigung ist nichts weiter als eine inszenierte List, um den Ingenieur zu fangen und zu kontrollieren. Das Gedicht ist eine Mahnung an die Männer, die Frauen zu unterschätzen und ihre wahren Absichten zu übersehen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Süßigkeit von jungen Bienen
Anspielung
Wie einst Ulysses ist gewesen
Bildsprache
Sie schmachtet, seufzt, netzt ihre Wangen mit Thränen
Hyperbel
Sie nennt dich oft in einer Stunde wohl tausendmal den besten Freund
Kontrast
Als Prinzen, die so fein nicht fühlen im Prunksaal und auf goldnen Stühlen
Metapher
So wahr ist dies Unmöglichkeit des Herzens Tiefen auszumessen
Personifikation
Meine Muse ruft dir zu
Symbolik
Die Stimme der Syrene
Vergleich
Gleich einem Dohnenvogel