An einen bewunderten Koloristen
Uns machst du nicht perplex!
Wo es gebricht an Haltung,
An fixer Durchgestaltung,
Ist alle Pracht der Farbe doch nur Klex.
Dieß ist unleugbar sancta lex.
Zu einem ganzen Artifex
Will es noch anderes Gewächs,
Nein, du bist nicht pictorum rex,
Du bist und bleibst ein Farbenfex.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „An einen bewunderten Koloristen“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine pointierte Kritik an einem Maler, der zwar durch seine Farbgebung beeindruckt, aber an tiefergehender künstlerischer Qualität mangelt. Der Dichter verwendet eine klare, fast schon schnörkellose Sprache, um seine Wertung auszudrücken. Die Kürze des Gedichts, das aus nur neun Versen besteht, verstärkt die Prägnanz der Kritik.
Der erste Vers „Uns machst du nicht perplex!“ etabliert gleich die Haltung des Dichters: Er ist nicht beeindruckt. Die folgenden Verse verdeutlichen die Begründung. Vischer bemängelt das Fehlen von „Haltung“ und „fixer Durchgestaltung“. Diese Begriffe deuten auf eine Kritik an der Formgebung, der Komposition und der zugrundeliegenden Idee des Kunstwerks hin. Er suggeriert, dass die Farbpracht des Malers, als „Pracht der Farbe“, ohne diese strukturellen Elemente lediglich „Klex“ ist. Dies ist eine abwertende Bezeichnung, die die Farben als ungeordnet und oberflächlich darstellt.
Der zweite Teil des Gedichts wird durch den Einschub „Dieß ist unleugbar sancta lex“ (Dies ist unbestreitbar heiliges Gesetz) eingeleitet, was der Aussage eine gewisse Autorität verleiht. Vischer greift auf eine rhetorische Frage zurück, um zu verdeutlichen, dass mehr als nur die Farben für einen vollständigen Künstler benötigt werden: „Zu einem ganzen Artifex / Will es noch anderes Gewächs“. Die Metapher „Gewächs“ deutet auf die Entwicklung von Können und Talent hin. Der Dichter negiert die Bezeichnung „pictorum rex“ (König der Maler) für den Koloristen und reduziert ihn auf einen „Farbenfex“. „Farbenfex“ ist eine Wortschöpfung, die die meisterliche Farbgebung hervorhebt, aber gleichzeitig die mangelnde Gesamtkompetenz des Malers betont.
Das Gedicht ist somit eine Kritik an der Oberflächlichkeit und mangelnden Substanz eines Künstlers, dessen Talent sich auf die Farbgebung beschränkt. Vischer stellt die Bedeutung von fundierter Gestaltung und tiefgründiger künstlerischer Absicht in den Vordergrund. Der Text ist ein Appell für eine Kunst, die mehr als nur ästhetischen Reiz bietet, sondern auch inhaltlich und formal überzeugt. Durch die prägnante Sprache und die deutlichen Wertungen erreicht Vischer eine eindringliche, wenn auch vielleicht etwas polemische Aussage über das Wesen von Kunst.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.