An einen Baum am Spalier
1806Armer Baum! - an deiner kalten Mauer festgebunden, stehst du traurig da, fühlest kaum den Zephyr, der mit süßem Schauer in den Blättern freier Bäume weilt und bey deinen leicht vorübereilt. O! dein Anblick geht mir nah! und die bilderreiche Phantasie stellt mit ihrer flüchtigen Magie eine menschliche Gestalt schnell vor mich hin, die, auf ewig von dem freien Sinn der natur entfernt, ein fremder Drang auch wie dich in steife Formen zwang.
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Interpretation
Das Gedicht "An einen Baum am Spalier" von Sophie Friederike Brentano beschreibt die Klage eines Beobachters über das Schicksal eines Baumes, der an einer Mauer festgebunden und seiner natürlichen Freiheit beraubt ist. Der Baum steht traurig da, kaum fähig, den sanften Zephyr zu spüren, der in den Blättern freier Bäume weilt und an ihm vorüberzieht. Der Anblick des Baumes berührt den Betrachter tief und ruft Mitgefühl hervor. Die bilderreiche Phantasie des Beobachters erschafft eine menschliche Gestalt, die dem Baum ähnlich ergangen ist. Auch diese Gestalt ist auf ewig von der freien Natur entfernt und von einem fremden Drang in steife Formen gezwungen. Der Vergleich zwischen dem Baum und der menschlichen Gestalt verdeutlicht die universelle Tragik des Eingesperrtseins und der Unterdrückung der natürlichen Freiheit. Das Gedicht kritisiert die menschliche Tendenz, die Natur zu beherrschen und in enge Formen zu pressen, sei es durch das Anbinden eines Baumes an eine Mauer oder durch die Unterdrückung der menschlichen Freiheit. Es ruft dazu auf, die Schönheit und den Wert der ungezügelten Natur zu erkennen und zu bewahren. Der Baum am Spalier wird zum Symbol für die Tragik des Eingesperrtseins und die Sehnsucht nach Freiheit, die in der Natur und im Menschen gleichermaßen vorhanden ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Armer Baum! - an deiner kalten Mauer festgebunden, stehst du traurig da
- Bildsprache
- bilderreiche Phantasie
- Hyperbel
- fühlest kaum den Zephyr
- Metapher
- flüchtigen Magie
- Personifikation
- Zephyr, der mit süßem Schauer in den Blättern freier Bäume weilt
- Vergleich
- wie dich in steife Formen zwang